Rumi

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi, aus dessen zahllosen Auswahlen aus seinen Schriften die folgenden Texte stammen, wurde geboren am 30.9.1207 in Balch, im mittelalterlichen Chorasan, heute in Afghanistan gelegen; gestorben ist er am 17. Dezember 1273 in Konya in der heutigen Türkei.

Rumi war ein persischer Mystiker und einer der bedeutendsten persisch-sprachigen Dichter des Mittelalters. Auf ihn geht die Gründung des Sufiordens der "tanzenden Derwische zurück. Seine Texte inspirieren eine wachsende Zahl von Menschen, Gläubige und Ungläubige.

 

Rumi   Bibel

Des wahren Suchers Zeichen

Rumi

 

Mk 6, 31-43

 

Gelingt es dir, dich von sämtlichen weltlichen Sorgen zu lösen, wirst du in der Verzückung des Gartens der Ewigkeit leben. Läuterst du dich mit dem reinen Wasser der Enthaltsamkeit, wird sich deines Herzens Trübe in klares Licht verwandeln. Gelingt es dir, das Haus der Wünsche zu verlassen, wirst du zum Heiligtum der Herrlichkeit gelangenIm Herzen des Ozeans der Einigung bist du eine Perle, kostbarer als jeder Schatz der Welt. Hast du Mut, nicht im Staub zu kriechen, kannst du eine Heimat in der Höhe finden. Sürzt du dich jetzt kopfüber in tiefe Andacht, kannst du alle alten Schulden deines Schicksals tilgen. Solcherlei Taten sind des wahren Suchers Zeichen –die Feuerzeichen derer, die den Weg im Lauf bewältigen

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Jesus sagte zu den Aposteln: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen geben, damit sie zu essen haben? Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, den Leuten zu sagen, sie sollten sich in Gruppen ins grüne Gras setzen. Und sie setzten sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie sie an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. Und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die Reste der Brote und auch der Fische einsammelten, wurden zwölf Körbe voll.

Schmerzen und Prüfungen

Rumi

 

Mk 14, 53.55-65

 

Gott schenkte Pharao hundertfach Gold und Güter, also nannte sich dieser "König" und "allmächtig".Solange er lebte, litt dieser Verstockte nicht einen Augenblick, nicht ein Mal rief er Gott an. Gott machte Pharao zum Herrscher dieser Welt, Schmerzen und Prüfungen jedoch versagte er ihm. Gram ist mehr wert als alle Macht der Welt, denn er lässt dich aus tiefster Seele Gott anrufen.

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Darauf führten sie Jesus zum Hohenpriester und es versammelten sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten. Die Hohen­priester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können; sie fanden aber nichts. Viele machten zwar falsche Aussagen über ihn, aber die Aussagen stimmten nicht überein. Einige der falschen Zeugen, die gegen ihn auftraten, behaupteten: Wir haben ihn sagen hören: Ich werde diesen von Menschen erbauten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen errichten, der nicht von Menschenhand gemacht ist. Aber auch in diesem Fall stimmten die Aussagen nicht überein. Da stand der Hohepriester auf, trat in die Mitte und fragte Jesus: Willst du denn nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen? Er aber schwieg und gab keine Antwort. Da wandte sich der Hohepriester nochmals an ihn und fragte: Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten? Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist schuldig und muss sterben. Und einige spuckten ihn an, verhüllten sein Gesicht, schlugen ihn und riefen: Zeig, dass du ein Prophet bist! Auch die Diener schlugen ihn ins Gesicht.

Die Auferstehung

Rumi

 

Mk 8, 31-38

 

Die einzige Bedingung für die Auferstehung ist, erst zu sterben: denn was heißt auferstehen, wenn nicht "vom Tod ins Leben übergehen"? Die Welt schlägt die ganz andre Richtung ein: Jeder ist auf der Flucht vorm Nichtsein – der einzig dauerhaften Zufluchtsstätte. Wie erringen wir wahres Gewahrsein? Indem wir unseren Vorstellungen entsagen. Wie nähern wir uns der Erlösung? Durch Verzicht auf Erlösung durch uns selbst. Wie können wir zum Sein gelangen? Indem wir unserem Dasein entsagen. Wie finden wir die wahre Frucht des Geistes? Indem wir die Hand nicht ausstrecken nach der Frucht dieser Täuschungen.

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Dann begann Jesus, seine Jünger darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen. Und er redete ganz offen darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe. Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt.

Leben und Sterben sind dasselbe

Rumi

 

Mk 14, 26-42

 

Im Himmel und auf Erden schwebt kein Stäubchen, zittert kein Halm außer durch Seinen Willen. Niemand kann dies erklären, noch darf er's versuchen – wer kann die Blätter eines Baumes zählen? Wie können Worte das Grenzenlose fassen? Da jedes Handeln folgt aus Gottes Willen, wird Gottes Knecht, sobald die Vorbestimmung zu seiner Wonne wird, zum freiwilligen Sklaven seines Dekrets. Nicht aus Gehorsam, nicht aus dem Wunsch nach Lohn, sondern weil er sich seines Ichs entäußert hat. Solch ein Mensch hängt nicht am eigenen Leben, noch giert er nach dem Leben nach dem Tod. Leben und Sterben sind für ihn dasselbe. Er lebt der Gottesliebe, er stirbt der Gottesliebe – und nicht aus Furcht oder von Schmerz getrieben. Er strebt nicht nach des Paradieses Quellen: sein Glaube ist einzig sein Verlangen zu tun, was Gott verlangt.

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Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet alle (an mir) Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe zerstreuen. Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen. Da sagte Petrus zu ihm: Auch wenn alle (an dir) Anstoß nehmen - ich nicht! Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Noch heute Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Petrus aber beteuerte: Und wenn ich mit dir sterben müsste - ich werde dich nie verleugnen. Das gleiche sagten auch alle anderen. Sie kamen zu einem Grundstück, das Getsemani heißt, und er sagte zu seinen Jüngern: Setzt euch und wartet hier, während ich bete. Und er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht! Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll geschehen). Und er ging zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Simon, du schläfst? Konntest du nicht einmal eine Stunde wach bleiben? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

Küsse die Schlange

Rumi

 

 

"Niemand ist mutig", sagte der Prophet, "bevor die Schlacht beginnt." Sprichst du vom Krieg, prahlen Betrunkene mit ihrem Löwenmut; im Schlachtgetümmel werden sie zu Mäusen. In seinen Träumen giert das Herz nach Wunden, doch reicht ein Nadelstich, und alle Luft entweicht der hohlen Blase.Ich staune stets über den Mann, der sagt, er strebe nach Reinheit, doch kaum, dass er die Eisenbürste spürt, zu jammern anfängt. Die Liebe ist ein Ordal [Gorttesurteil]: Was du erleidest, beweist dein Recht. Kein Leid? Du bist verurteilt!Verlangt der Richter nach Beweisen, zittre nicht: küsse die Schlange und du gewinnst den Schatz.

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Die Jünger fuhren an das andere Ufer. Sie hatten aber vergessen, Brot mitzunehmen. Und Jesus sagte zu ihnen: Gebt Acht, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! Sie aber machten sich Gedanken und sagten zueinander: Wir haben kein Brot mitgenommen. Als Jesus das merkte, sagte er: Ihr Kleingläubigen, was macht ihr euch darüber Gedanken, dass ihr kein Brot habt? Begreift ihr immer noch nicht? Erinnert ihr euch nicht an die fünf Brote für die Fünftausend und daran, wie viele Körbe voll ihr wieder eingesammelt habt? Auch nicht an die sieben Brote für die Viertausend, und wie viele Körbe voll ihr da eingesammelt habt? Warum begreift ihr denn nicht, dass ich nicht von Brot gesprochen habe, als ich zu euch sagte: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer? Da verstanden sie, dass er nicht gemeint hatte, sie sollten sich vor dem Sauerteig hüten, mit dem man Brot backt, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer.

Mehr als nur eine Etappe

Rumi

 

Lk 18, 9-14

 

Sei immer dankbar, nie ein eitler Narr, verachte nicht, hör genau zu, prahl nicht. Ich bin der Sklave dessen, der nie meint, am Tisch zu sitzen der Einigung mit Gott. Mehr als nur eine Etappe muss der Wanderer bewältigen, ehe er nach Hause gelangt. Das Eisen wird zwar rot, doch nicht von sich aus; die Röte glüht ihm etwas andres ein. Wenn deines Hauses Fenster sich mit Licht füllt, wisse, der Sonne allein kommt Leuchtkraft zu. Türen und Wände prahlen: "Ich bin leuchtend! Ich werf's nicht nur zurück, ich bin das Licht!" Die Sonne lacht bloss: "Pah! Sobald ich sinke, wird euer Wahn für alle offenbar!" Die Pflanze sagt: "Ich grüne aus eigener Kraft! Ganz von Natur aus bin ich hoch und saftig!" Der Sommer sagt zu ihr: "Närrin, wart ab, wie du erst aussiehst, wenn ich mich empfehle!" Der Körper dünkt sich schön und voller Anmut; aus dem Verborge­nen ruft der Geist ihm zu: "Du Madensack! Was glaubst du, wer du bist? Einzig mein Licht leiht dir das bisschen Leben. Schneid nur Grimassen, spreiz und brüste dich, doch wart nur ab, was ist, wenn ich verschwinde! Die, die dich liebten, werden dich begraben als Fraß für Echsen und kriechendes Gewürm. Die, deren Lust du warst und Augenweide, treibt dein Gestank dann nur noch in die Flucht."

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Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

 

Hier noch einmal die beiden Links zur Gestaltung einer Schriftbetrachtung: