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Spirituelle Impulse und Anregungen

Übersicht

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Die Impulse sind nach Datum geordnet

Innehalten – Innewerden – Sich wandeln lassen – Tun: der Weg zu bleibender Erfüllung
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2019

Klimawandel und Religion
Bertram Dickerhof SJ, Oktober 2019

Der Blick ins Innere
Petra Maria Hothum SND, Juni 2019

«Der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten, taugt nicht.»
Petra Maria Hothum SND, April 2019

Suche, ohne zu suchen!
Bertram Dickerhof SJ, Februar 2019

Die Heiligen Drei Könige
Bertram Dickerhof SJ, Januar 2019

Weihnachten
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2018

Dasein im Schauen
Petra Maria Hothum SND, Oktober 2018

Tod
Bertram Dickerhof SJ, August 2018

„Ashran Jesu” — der Name
Bertram Dickerhof SJ, Juni 2018

Ostern
Bertram Dickerhof SJ, April 2018

Passion
Bertram Dickerhof SJ, März 2018

Weihnachten erfahren
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2017

Virtuelle Meditationsgemeinschaft im Advent
Bertram Dickerhof SJ, November 2017

Spirituelle Spurensuche
Bertram Dickerhof SJ, October 2017

Gruppendynamisches Training im Ashram
Bertram Dickerhof SJ, September 2017

Enttäuschung
Petra Maria Hothum SND, August 2017

Beten
Bertram Dickerhof SJ, Juni 2017

Die größte Wohltat, die man der Welt erweisen kann
Bertram Dickerhof SJ, Mai 2017

Der Ashram im Alltag
Bertram Dickerhof SJ, April 2017

Was den Ashram Jesu charakterisiert
Bertram Dickerhof SJ, März 2017

Das verhüllte Kreuz
Bertram Dickerhof SJ, Februar 2017

In Gott verankert
Bertram Dickerhof SJ, Januar 2017

Weihnachten
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2016

Virtuelle Meditationsgemeinschaft im Advent
Bertram Dickerhof SJ, November 2016

Vergebung
Bertram Dickerhof SJ, Oktober 2016

Gipfelerfahrung und alltägliche Praxis
Bertram Dickerhof SJ, September 2016

Sommerauszeit im Ashram Jesu
Petra Maria Hothum SND, August 2016

In Kontakt mit sich selbst sein
Petra Maria Hothum SND, Juli 2016

Den entscheidenden Schritt wagen
Bertram Dickerhof SJ, Juni 2016

Schaffen wir das?
Elisabeth Vosen, Mai 2016

Ostern
Bertram Dickerhof SJ, April 2016

Kreative Hoffnungslosigkeit
Alfons Gierse, März 2016

Der spirituelle Weg
Bertram Dickerhof SJ, Januar 2016

Lotus und Kreuz
Bertram Dickerhof SJ, September 2015

Flüchtlinge
Bertram Dickerhof SJ, August 2015

Sich selbst sein lassen
Petra Maria Hothum SND, Juli 2015

Bei den Dingen, nicht in den Dingen
Bertram Dickerhof SJ, Juni 2015

Gebet
Bertram Dickerhof SJ, Mai 2015

Die drei Heiligen Tage
Bertram Dickerhof SJ, April 2015

Standhalten lernen
Bertram Dickerhof SJ, März 2015

Beheimatung in sich selbst
Bertram Dickerhof SJ, Januar 2015

Weihnachten
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2014

Virtuelle Meditationsgemeinschaft
Bertram Dickerhof SJ, November 2014

Zwei Welten
Bertram Dickerhof SJ, September 2014

Wir sind hier nicht bei WÜNSCH DIR WAS, sondern bei SO ISSES!
Petra Maria Hothum SND, Juli 2014

Pfingsten, Unterstützer*innentreffen
Bertram Dickerhof SJ, Juni 2014

Berufsbegleitende Auszeit
Bertram Dickerhof SJ, Mai 2014

Ostern
Bertram Dickerhof SJ, April 2014

Notwendigkeit des Gebets
Bertram Dickerhof SJ, März 2014

Weihnachten
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2013

Innehalten im Advent
Bertram Dickerhof SJ, November 2013

Grundübungen
Bertram Dickerhof SJ, Mai 2013

Liebe, nicht Disziplin
Bertram Dickerhof SJ, März 2013

Innehalten im Alltag
Bertram Dickerhof SJ, Februar 2013

Grund-Übungen
Bertram Dickerhof SJ, Oktober 2012

Gemeinschaft im Ashram
Bertram Dickerhof SJ, pril 2012

Winter im Ashram
Bertram Dickerhof SJ, Februar 2012

Lassen braucht Muße
Bertram Dickerhof SJ, November 2011

Die wahre Herausforderung im Leben
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2010

Alternative
Bertram Dickerhof SJ, Mai 2008

Geistlicher Tag
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2007

Wirksamkeit des Ashram
Bertram Dickerhof SJ, Juli 2007

Was im Ashram geschieht
Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2006

 

Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2019

Innehalten – Innewerden – Sich wandeln lassen – Tun: der Weg zu bleibender Erfüllung

Antonio Guterres wählte auf der Madrider Klimakonferenz deutliche Worte, um das Ausmaß der Krise aufzuzeigen. Zurzeit zerstöre die Menschheit wissentlich die Ökosysteme, die sie am Leben erhalten, beklagte Guterres. "Wir müssen endlich zeigen, dass wir es ernst meinen damit, den Krieg gegen die Natur zu beenden. … Wenn wir nicht schnell unseren Lebensstil ändern, gefährden wir das Leben an sich", sagte er.

Das ist also das Ergebnis der Weise, uns zu ernähren, uns fortzubewegen, zu wohnen  und über­haupt zu leben. Überraschend kommt das nicht. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Club of Rome auf die Grenzen des Wachstums hingewiesen. Genutzt hat es nichts. Die Weltgemeinschaft beschäftigt sich seit 1992 mit dem Klima, fasst Beschlüsse zur Reduktion des CO2-Ausstoßes, was diesen nicht hindert, seitdem um 69% anzusteigen. Die Grenzen des Planeten zu respektieren, fällt dem Menschen, der auf Erfüllung angelegt ist und diese in irdischen Gütern sucht, deswegen so schwer, weil er sie in ihnen letztendlich nicht findet und deswegen immer mehr haben muss, Besseres, Neueres, Modischeres... Nun ist die Menschheitsgeschichte an dem Punkt angekommen, an dem offenkundig wird, dass der Mensch sich selbst und die Natur zerstört, wenn er wie bisher weiterhin seine erfüllte Welt anstrebt. Ob er in den Folgen des Kimawandels umkommt oder gut versorgt stirbt, in jedem Fall wird er es unerfüllt tun.

Es sei denn, er lebt im Geist der Weihnacht:
An Weihnachten feiern wir die Geburt eines Menschen, der seine Erfüllung nicht in dieser Welt anstreben musste: Jesus Christus war Gott gleich [dazu macht sich jeder, der seine erfüllte Welt erschaffen will], hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,6-8). Menschen wie ihn, die sich den Gesetzen der Erde unterwerfen und die Grenzen annehmen können, die aufgeben können, bleibende Erfüllung auf der Erde erstreben zu müssen, braucht  die Menschheit heute. Jesus reift heran im Gehorsam. Gehorsam ist sein Charakteristikum. Dieser Gehorsam ist ein Prozess, der aus folgenden vier Schritten besteht:

Innehalten
Innewerden
Sich wandeln lassen
Tun

In diesen vier Schritten, so klein sie zu sein scheinen, schlägt das Herz des Christlichen, sie sind der Kern aller mystischen Traditionen der Weltreligionen. Sie sind das Lernprogramm bleibender Erfüllung. Im Innehalten wird der Mensch seiner Wahrheit inne, die er nur annehmen kann, wenn er seine illusionären und ichbezogenen Vorstellungen loslässt. Sich fallen lassen kann er jedoch nur, wenn er vom unbegreiflichen Geheimnis der Gottheit ergriffen ist. Sein Sturz befreit ihn zum Kontakt mit seinem wahren Selbst: das ist Christus. Durch ihn empfängt er den Geist Gottes, den er in seinem Tun in der Welt inkarniert. Die vier Schritte des Gehorsams führen in das trinitarische Leben Gottes.

Mehr als in den Jahren zuvor empfinde ich Weihnachten dieses Jahr als die Einladung, ernst zu machen mit der Umkehr, zu der der Zauber der Krippe und des neugeborenen Kindes uns einlädt und die Lage des Planeten uns zwingt, in der Hoffnung, die Erfüllung eines Lebens in Freiheit und Liebe in der trinitarischen Gottheit zu finden.

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Bertram Dickerhof SJ, October 2019

Klimawandel und Religion

Wir erleben in unserer Zeit, wie Diesseitserlösungsideen obsolet werden: zuerst hat sich der (real existierende) Marxismus als untaugliches Instrument erwiesen. Er hat die Gesellschaften, die ihn zu verwirklichen suchten, durch Unfreiheit und mangelnde Güterversorgung enttäuscht. Das hat der kapitalistischen Organisation unseres westlichen Lebensstils erheblichen Auftrieb gegeben. Dieser hat Bankenkrise und islamistischen Terror bisher überstanden. Doch nun kommt bei uns an, was seit etwa einem halben Jahrhundert bekannt ist: dass das Wachstum Grenzen hat. Wir beginnen diese Grenzen durch die von unserem Lebens- und Produktionsstil mitverursachte Erderwärmung zu spüren. Drastisch zu spüren! Unsere Weise zu leben ruiniert nicht nur uns selbst, sondern durch das Klima den ganzen Planeten. „Wir sind am Beginn eines massenhaften Aussterbens. Und alles, worüber ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen vom ewigen wirtschaftlichen Wachstum“ sagte Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel im September in New York. In der Tat: Klimaerwärmung heißt nicht nur extremeres Wetter, sie heißt Zerstörung, Hunger, Flucht und Tod.

Wir müssen also nun den Planeten retten. Hoffentlich ist diese Aufgabe nicht zu groß für uns. Wie kann es gelingen, den babylonischen Turm unseres Lebensstandards so um- und abzubauen, dass wir aus dem Straßengraben Umweltzerstörung heraus finden, ohne in den anderen einer Klimadiktatur und ihrer Gegner zu fallen?

Die Einschnitte, die die Rettung des Klimas erfordert, werden unser Leben tiefgreifend verändern. Zum Beispiel wird individuelle Mobilität sehr teuer werden. Statt schnell mal, wenn einem das Dach auf den Kopf fällt, wie bisher hierhin und dorthin zu fahren oder zu fliegen, wird es dann öfter heißen müssen: bleib zu Hause! Was dabei das Problem ist? Nach einigen Stunden ermüdet auch das hunderste Fernsehprogramm. Dann stösst er auf seine Unzufriedenheit, seine Nervosität, vielleicht gar seine Leere und begreift, dass eine wesentliche Triebfeder seines Lebensstils ist, das Unangenehme im Leben nicht an sich herankommen zu lassen.

Wer meditiert, weiß hingegen aus eigener Erfahrung:

  1. Die Erde ist nicht in ein Schlaraffenland zu verwandeln. Jede Erfüllung, die sie gewährt, vergeht auch wieder. Ist die Erfülltheit vergangen, ist Unerfülltheit da. Unerfülltheit gehört zum Leben des Menschen dazu wie der Tod auch.
  2. Streben, das aus dem Wegkriegen-Wollen der Unerfülltheit und des „Es–ist–nie–genug!“ geboren wird, ist zerstörerisch. Der westliche Kapitalismus scheitert an seinem Grund legenden Credo: dass aus dem selbstsüchtigen Streben des Einzelnen das Wohl aller entsteht. Dieses Wohl aller, des ganzen Planeten, steht nun aber auf der Kippe.
  3. Die Unerfülltheit ist jedoch auch eine Chance: Sie zu ertragen ist ein Weg zur Selbstwerdung, zur Humanisierung und zur Entdeckung des Absoluten. Sie ist ein Weg zu einer Erfülltheit ganz anderer Art, die sich erst im Tod vollendet.

Diese drei Punkte sind Botschaft der Religionen. Die Klima- und Umweltkrise ist technologisch allein nicht zu bewältigen. Zu sehr droht sie die gängige „Spiritualität“ des „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ (Jes 22,13; 1Kor 15,32) zu stören. Sie fordert zu einer Spiritualität heraus, die einen bescheideneren Lebensstil begünstigt, das Leben entschleunigt, vom Druck entlastet, „sein Leben in dieser Welt gewinnen“ (Mt 16,26) zu müssen,  und es attraktiv macht, Zeit für und mit anderen Menschen zu haben. Wohl Euch, die Ihr meditiert!

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Petra Maria Hothum SND, Juni 2019

Der Blick ins Innere

In diesen Wochen bleiben Besucher des Ashram Jesu immer wieder einmal staunend vor der Rosenpracht in unserem Innenhof stehen. Ein wunderbares Bild bietet sich, wenn beim Eintreten durch das Hoftor die verschiedenen Rosenstöcke und –ranken in der Vielfalt ihrer Farben und Farbnuancen in den Blick kommen und die ganze Fülle sichtbar wird. Zwar sind einige der Rosen bereits verblüht und ihre abgefallenen Blütenblätter bilden einen Teppich auf dem Boden, doch zugleich öffnen sich immer neue Knospen. Es tut sich ein wirklicher Reichtum auf, eine geradezu verschwenderische Fülle.
Diese Fülle gilt jedoch nicht nur im Blick auf die Gesamtheit der Blumenpracht, sondern auch im Detail. Immer wieder geht es mir so, dass ich auf eine einzelne Rosenblüte zugehe, davor stehenbleibe und mich im Blick auf diese eine Blüte oder in diese hinein fast verliere: staunend stehe ich vor der Komplexität ihres Innenlebens, vor dem wunderbaren Arrangement, der Besonderheit und Eigenart, die sich mir jeweils zeigt. Egal ob leicht erst geöffnet, ganz aufgeblüht oder bereits im Verblühen begriffen, egal ob eher spartanisch oder mit einer Unzahl von Blütenblättern ausgestattet, egal in welcher farblichen Gestaltung: jede Blüte hat ihre ganz eigene Schönheit und Würde, und es scheint angemessen und tut gut, dieser jeweils Raum zu geben und sie zu würdigen.

Der Blick ins Innere einer Rosenblüte zieht nach innen, lässt innehalten und fragen nach dem eigenen Inneren. Mir fallen Worte von Rumi, einem islamischen Mystiker, ein: "Im Innern deines Leibes ruht ein kostbarer Schatz ... Wenn du den großen Schatz zu finden trachtest, ... blicke in dich hinein und suche ihn". Diese Einladung, ins eigene Herz zu blicken, findet sich in seinen Texten in Variationen immer wieder. Doch nicht nur dort, sondern in den verschiedensten spirituellen Traditionen der Religionen ist es eine zentrale Weisung auf dem spirituellen Weg, bei sich selbst einzukehren und sich dem eigenen Inneren zuzuwenden. – Allerdings: so einfach wie der Blick ins Innere einer Rose ist dies nicht! Zwar gibt es in uns eine Sehnsucht nach diesem Bei-sich-Sein, diesem Kontakt mit sich selbst, aber es gibt zugleich auch den Widerstand dagegen, die Tendenz sich zu zerstreuen und an der Oberfläche und im Vielerlei hängenzubleiben.

Neben einigen anderen Hilfen auf dem Weg nach innen, wie etwa dem schweigenden, achtsamen Dasein und der Meditation, wird hier im Ashram Jesu immer wieder auch die Gruppe als wichtige Unterstützung erlebt: zwar seinen eigenen Weg zu gehen, aber ihn nicht alleine gehen zu müssen, mit anderen zur gleichen Zeit und im gleichen Raum zu meditieren und vor allem auch, von anderen zu hören, was sie auf ihrem Weg bewegt und Resonanzen zu bekommen auf eigene Mitteilungen hin. Das ist etwas sehr Kostbares. 
Im Austausch in der Gruppe kann manchmal Ähnliches geschehen wie beim Blick auf das Innere einer Rosenblüte: ehrfürchtiges Wahrnehmen und Angezogen-Werden, wenn etwas von der Farbe und "Beschaffenheit" des Inneren einer Person aufleuchtet, etwas von der Vielfalt ihrer Wirklichkeit hier und jetzt sichtbar wird. Es gibt echtes Mitleiden mit Nöten und Grenzen, an die der andere stößt, aber auch staunendes Verweilen und tiefe Mitfreude dort, wo Entwicklung, wo ein Durchbruch geschieht zu mehr Selbst-Kontakt und Lebensfülle und wo einen das Geheimnis aller Wirklichkeit unmittelbar berührt.

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Petra Maria Hothum SND, April 2019

«Der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten, taugt nicht.»

In diesen Tagen und Wochen, wo es überall – auch um den Ashram Jesu herum – grünt und blüht, kommt mir immer wieder ein Satz aus dem Gedicht „Bitte“ von Hilde Domin in den Sinn: „Der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten, der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht.“ Aber dennoch, wer würde das nicht gerne im Angesicht einer solcher Pracht und Fülle: den Blütenfrühling halten, die Schönheit, Buntheit und das Unverbrauchte des neu sprießenden Lebens bewahren, wohl wissend, dass der Weg zur Fruchtbarkeit und Reife nur über das Loslassen und Absterben der Blüten möglich ist.

Auch die Jünger Jesu hätten gerne die „Blüten“ des galiläischen Frühlings gehalten: die unmittelbare Wirkkraft der Worte und Taten Jesu, die Berührtheit und Begeisterung der Menschen über sein Auftreten mit Vollmacht. Dies alles ließ in Jesu Anhängern die Hoffnung wachsen und keimen, „dass er der sei, der Israel erlösen werde“ (Lk 24,21), wie es die Emmausjünger formulieren. Es ließ ein bestimmtes Bild des Messias in ihren Herzen Raum greifen, die Vorstellung, dass er der erwartete politische Retter sei, der macht- und kraftvoll das Volk aus der römischen Herrschaft befreien könne. Mit Jesu Leiden und Sterben wird diese Vorstellung endgültig zunichte, erweist sich dieses Messias-Bild als eine Illusion. So, wie die Jünger es sich gedacht und gewünscht hatten, verhält es sich nicht: nicht mit Jesus, nicht mit ihnen, nicht mit den Menschen und ihrer geschichtlichen Situation. Sie können den „Blütenfrühling“ nicht halten, keiner bleibt verschont, sie alle bleiben vielmehr enttäuscht und resigniert zurück, denn ihre Hoffnung und ihre Vorstellung von Rettung und Erlösung ist gestorben. Sie hat sich als Täuschung erwiesen, die im Tod Jesu ent-täuscht wird.

Der Fortgang jedoch macht deutlich, dass das Ende dieser Täuschung nicht ein absolutes Ende ist. Im Wahrnehmen, Aushalten und Durchleben der enttäuschenden Wirklichkeit eröffnet sich den Jüngern eine ganz neue – zuvor völlig unvorstellbare – Lebensperspektive: die Erfahrung des Auferstandenen, der ihr eigenes Leben in der Tiefe berührt und neu und tiefer gründet.

„Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ fragt der Auferstandene die Emmausjünger und eröffnet ihnen damit einen neuen Horizont, in dem ihr enttäuschtes Herz wieder zu brennen beginnt und langsam dafür bereitet wird, dass ihnen schließlich die Augen aufgehen und sie IHN erkennen.

Auch uns selbst müssen immer wieder die Augen geöffnet werden, wenn wir mit Enttäuschendem in unserem Leben konfrontiert werden: die Wirklichkeit zeigt sich anders als von uns erhofft und geglaubt, ein Bild von uns selbst, von anderen, von einer Beziehung, einer Situation ... erweist sich als Illusion, als Täuschung. Die Tendenz, sich dann resigniert zurückzuziehen oder mit aller Kraft anzukämpfen gegen die enttäuschende Wirklichkeit, kann uns in uns selbst verschlossen halten. Manchmal aber wird es uns geschenkt, eine solche Wirklichkeit an uns heranlassen und durchleben zu können mit all ihren Facetten, besonders den unangenehmen und schmerzlichen. Auf diesem mitunter langen und schwierigen Weg kann sich auch uns eine neue Perspektive eröffnen. Wir können die Enttäuschung als das Ende einer Täuschung begreifen, kommen mehr in Kontakt mit unserer Tiefe, gelangen zu einem Einverständnis mit dem, was ist und wer wir in Wahrheit sind. Und vielleicht dürfen wir auf dem Grund von allem einer Liebe begegnen, die alles umfängt und fruchtbar werden lässt.

Ich wünsche uns die Offenheit für solche wahrhaft österlichen Erfahrungen, die Freude am Blütenfrühling, ohne ihn halten zu wollen. Und die Hoffnung und Zuversicht, dass unser Leben im Loslassen und Durchleben dessen, was uns jeweils gegeben und zugemutet ist, tiefer gegründet und fruchtbar werden kann.

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Bertram Dickerhof SJ, Februar 2019

Suche, ohne zu suchen!

Unser Leben vollzieht sich im Alltag. Beruf, Familie, Schule, Aus- und Fortbildung, selbst der Jahresurlaub lässt sich ins Alltagsgeschehen einrechnen. Die Sehnsucht des Menschen, die über alles Alltägliche, ja über alles, was ist, hinausgeht, muss, wenn sie ernst zu nehmen ist, von daher im Alltag ebenfalls ihren Platz haben. Sie hat ihn als Suche. Suchen braucht eine Vorstellung vom Gesuchten als „etwas“, das wir suchen können, außerdem Assoziationen dazu und Schlussfolgerungen daraus, wie und wo dies gesucht werden kann. Wer aber „etwas“ sucht,  kann nicht finden, was über jedes Etwas hinaus geht. Also geht es darum zu suchen, ohne zu suchen. Für solches Suchen werden wesentlich sein Offenheit und Empfänglichkeit, um das Gesuchte in dem zu entdecken, worin es sich uns mitteilt. Wenn es sich mitteilt. Rumi, der große persische Mystiker des Mittelalters, ist sich sicher, dass die Liebe, – sie ist für ihn das, was über alles hinaus geht – den Menschen sucht: „Liebe, wenn ich nach dir Ausschau halte, merke ich, dass du mich suchst.“ Das trifft auch zu auf den Gott und Vater Jesu Christi, „durch dessen barmherzige Liebe das aufstrahlende Licht aus der Höhe“ (Lk 1,78) den Menschen in Jesus sucht und besucht.

Gewöhnlich sehen wir den Alltag mit seinen Mühen und Freuden lediglich als das Instrument an, unser Leben in dieser Welt fristen und genießen zu können. Er ist aber zugleich das Instrument, durch das uns Gott zur Vereinigung mit sich führen, sich uns schenken, unsere Sehnsucht über alles hinaus erfüllen will. Die Ereignisse des Alltags, die guten wie die schlimmen, die Mühen, die Enttäuschungen, die Freuden, alles dient dazu, uns zu verwandeln, um zur Begegnung mit Gott fähig zu werden. In dieser Sicht wird das Faktische des Alltags, das, was im Alltag auf uns zukommt, von Gott her Zugeschicktes, auf das der Vertrauende antwortet, indem er offen dafür ist, es an sich heranlässt, es anzunehmen lernt und rückblickend darin die Führung Gottes erkennt.

Die Augen für die Anwesenheit Gottes in allen Dingen, in allen Ereignissen des Lebens, im Zugeschickten, gehen uns nur auf, so erkennt der Jesuit Alfred Delp, der mit seiner Verurteilung und Hinrichtung rechnen muss und den damit verbundenen Gefühlen in seiner Gefängniszelle in Plötzensee nicht ausweichen kann, wenn wir die guten und die bösen Stunden durchleben. Nur dadurch, dass sie uns ermutigen und verändern dürfen, ist zu dem Brunnenpunkt zu gelangen, an dem der durch sie Verwandelte einen Anteil erlebt an der Erfüllung seiner Sehnsucht.

Im Jugendzentrum, meinem ersten Einsatzort als junger Priester, gab es einen Zivi, der meinen Kampf um den Erhalt des Jugendzentrums gewöhnlich mit dem in Bayrisch vorgetragenen Spruch garnierte: „Es geht alles gut naus!“ Ich hätte ihn dafür ohrfeigen können (habe mich aber auf Augenrollen beschränkt). Heute sehe ich: der Mann hatte Recht. Allerdings: die Vorstellung davon, was gut und was schlecht ist, muss man aufgeben, statt sie der Wirklichkeit aufzwingen zu wollen. Und wichtiger als Machen und Tun sind Empfänglichkeit, Offenheit und Durchleben, um das Handeln zu erkennen, das Gott für uns bereitet hat, damit wir es vollziehen (Eph 2,19). Dann wird das Leben frei, es wird in einer einfachen und nüchternen Weise erfüllt, bleibt gegründet auch in schweren Stunden, wird gelebt mit wachsender Zuversicht auf eine endgültige Erfüllung der Sehnsucht über alles hinaus im Tod, da sie sich immer wieder anfanghaft gezeigt hat in den Toden mitten im Leben.

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Bertram Dickerhof SJ, Januar 2019

Die Heiligen Drei Knige

Besonders anregend während der gerade zurückliegenden Weihnachtszeit fand ich die Begegnung mit folgenden biblischen Gestalten: den Magiern aus dem Osten und Maria, der Mutter Jesu.

Die Magier aus dem Osten, aus denen das Mittelalter die heiligen drei Könige gemacht hat, sind auf Suche nach dem „neugeborenen König der Juden“. Wie ihnen geht auch uns manchmal ein Stern auf; ein Himmelslicht, das unsere Sehnsucht weckt nach „etwas“, das von ganz anderer Art ist als die Welt, in der jeder von uns lebt. Und wir wünschen uns, es zu finden und ihm huldigen zu können, weil wir hoffen, dann endlich angekommen zu sein und in ihm unser Alles gefunden zu haben.

Wer allerdings, wie die Magier, diesem „Etwas“, wofür der Stern steht, einen Begriff und eine Vorstellung gibt – ihre ist „der neugeborene König der Juden“, – und aus dieser Deutung die entsprechenden Schlüsse zieht – der neugeborene König der Juden ist natürlich in Jerusalem geboren – der wird, wie sie, nicht mehr nach dem Stern ausschauen müssen und enttäuscht in Jerusalem stranden, d.h. Dynamiken begegnen, die das Bestehende festhalten, von Veränderung nichts wissen wollen und mit Abwehr und Zweifel reagieren. Solche Jerusalem-Phasen sind wohl unvermeidlich und auch nötig, weil erst durch Ent–täuschungen hindurch allmählich das Reisen „in der Nacht“ gelernt wird, bei dem Orientierung durch Sinneseindrücke ja nicht mehr möglich ist. Nur wer hellwach und in der Einheit des Bewusstseins unterwegs ist, kann den Stern sehen und ihm folgen – punktgenau zu dem Ort, an dem das Gesuchte daheim ist.

Mit anderen Worten: wer nach der Vorstellung sucht, die er sich macht von dem, was über unsere Welt hinausgeht, der kann das Vorgestellte vielleicht erfahren, aber er findet nicht das Gesuchte, da es über unsere Welt hinausgeht. Dieses ist nämlich ganz anders als jede mögliche Vorstellung oder jeder Begriff davon. Wer so Erleuchtung sucht oder Gott oder Erlösung, der wird nichts davon finden: Erleuchtung, Gott, Erlösung übersteigen unsere Welt.

Also kommt es darauf an, solches Suchen einzustellen und sich finden zu lassen. Die Botschaft von Weihnachten ist ja gerade, dass Gott den Menschen sucht und sich ihm mitteilen will. Derjenige, der das begriffen hat, ist vom Tun, Machen, Herstellen zum Sich-Öffnen und Empfangen übergegangen – wobei dieser Übergang wiederum empfangen wird und nicht gemacht werden kann. Für das Gefunden–Werden bekommt, was dem Menschen im Leben geschieht und auf ihn zukommt, besondere Bedeutung.

Maria, eine andere weihnachtliche Gestalt, steht für dieses Sich-Finden-Lassen: „Mir geschehe nach deinem Wort“ erwidert sie dem Engel, der ihre Schwangerschaft mit „dem Sohn des Höchsten“ ankündigt, „der den Thron seines Vaters David bekommt“. Was bedeuten diese Worte? Auch für Maria wird diese Ankündigung viele Fragen aufwerfen und viele Unsicherheiten auslösen. Doch in ihrer schlicht ausgedrückten Bereitschaft bekundet sie ihre Offenheit und Empfänglichkeit für das, was auf sie zukommt.

Zweimal wird von Maria gesagt, sie „bewahre und bewege die Worte und Ereignisse in ihrem Herzen“. Dies ist wohl ihre Art, Geschehenes, vor allem schwer zu Verstehendes, zu bewältigen. Und es ist die Weise, wie aus Enttäuschungen, – wie etwa den Jerusalem-Erfahrungen der Magier – Ent–täuschungen und Lernerfahrungen werden, in denen der Mensch von Begriffen und Vorstellungen zu einem Wissen hinfindet, das nicht weiß, und doch ganz gewiss ist. In dieser Weise ist Maria dahin gekommen mit ihrer ganzen Existenz zu „wissen“, dass ihr Sohn die Erscheinung der Güte und Menschenliebe Gottes ist, dessen, dem unsere über alleWelt hinausgehende Sehnsucht gilt. In der Art dieses Wissens ist sie fähig, unter dem Kreuz ihres Sohnes zu stehen und auszuhalten.

Das Gute im Leben, Erfolg, Trost bestätigt uns und ermutigt uns, den Weg weiterzugehen. Hingegen wohnt dem Störenden, Enttäuschenden, anscheinend Sinnlosen, wenn es im Herzen bewahrt und bewegt wird, die Chance inne, das eigene Selbstverständnis und In-der-Welt-Sein zu verwandeln. Bei diesem Prozess der Neuschöpfung wird nichtwissend wissend die Quelle des Lebens berührt, aus der Vertrauen, Hoffnung und Liebe ins eigene Leben – und darüber in die Welt – fließen.

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Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2018

Weihnachten

In diesem Advent beschäftigt mich, dass Jesus draußen auf dem Feld geboren wird, außerhalb des Bezirks der Menschen. Jesus wird sein ganzes Leben "draußen" leben, "in der Welt" zwar, aber nicht "von der Welt". Vom System dieser Welt wird er erst beargwöhnt, dann abgelehnt, schließlich zum Tod verurteilt. Er stirbt draußen, vor den Toren der Stadt.

Um die Bedeutung von Geburt und Leben Jesu außerhalb des Systems der Welt mehr zu verstehen, schaue ich in mich selbst, auf das Grundgefühl, das ich – besonders nach Phasen mit viel Stress – habe, und das auch andere so ähnlich kennen, wie ich aus vielen Gesprächen weiß. Es scheint ein Mix zu sein von Unzufriedenheit, Erschöpfung und dem Gefühl, irgendwie mich selbst ein Stück weit verloren, zumindest verraten zu haben. Ich lebe in der Welt und verstricke mich immer wieder in den Dynamiken, mit der sie auf mich einwirkt: Vorstellungen, wie ich sein und mich fühlen, was ich haben und erreichen sollte, müsste, könnte … gewinnen Macht über mich. Unversehens treiben sie mich an. Auch wenn ich derart angetrieben manche Erfolge erzielen kann, ist da ein Empfinden, so getrieben nicht sein und leben zu wollen, ja in dieser Ausrichtung "schief gewickelt" zu sein und wie gefangen. "Sünde" nennt das die Schrift. Wonach ich mich sehne, was ich sein will, liegt draußen, jenseits meines Systems: ein Leben in Liebe und Unmittelbarkeit, in Freiheit und Einheit mit mir selbst – unvergänglichen Werten, für die Jesus steht. Wie kann ich sie in meinem Leben mehr zur Geltung bringen?

Maria und Josef zeigen uns, auf welchem Weg die Verlagerung des Lebensschwerpunktes nach draußen stattfindet. Sie haben sich auf das eingelassen, was in ihrem Leben auf sie zugekommen ist – bei Maria ihre ungeplante Schwangerschaft, bei Josef die unerwartete Schwangerschaft seiner Braut – und haben es durchlebt. Auf einem solchen Weg kann die Wirklichkeit immer unverstellter und unverzerrter zu Bewusstsein kommen, wenn dieses bereit ist für die Wahrheit. Wenn das, was ist, wie es ist, bei einem Menschen angekommen ist, macht es ihm Teile seines Lebensfundamentes bewusst und entlarvt sie als Illusionen und Zielverfehlungen. So hatte Josef die Vorstellung, sich seiner schwangeren Braut zu entledigen. Im Traum ergeht an ihn jedoch der Ruf, seine Vorstellungen zu lassen, nicht seine Braut. Wer den Ruf vernimmt, zu lassen, wo er oder sie schief gewickelt ist, und diesem Ruf vertraut, der gerät nach draußen, der kommt am Stall an, demütig geworden, fähig zu empfangen und zu danken. Ja, er selbst wird zum dürftigen Stall, in den das göttliche Kind geboren wird: neues Leben wird ihm geschenkt.

Was also als Notlage und Krise beginnt, birgt die Chance in sich, als selige Verwandlung des Selbst zu enden. Gott führt uns durch das, was uns in unserem Leben begegnet, auch in Krisen und Nöten. Dieser Meinung ist jedenfalls der eingeborene Haushofmeister Farah in Tania Blixens Buch "Jenseits von Afrika". Als die Plantage brennt und seine Chefin alles verliert, weckt er sie mit den Worten: "Stehen Sie auf, Memsahib, Gott kommt!"

Ja, es gibt diese Entwicklung im Leben des Menschen heraus aus der Welt und ihrem Bann. Doch gleichzeitig bleibt die Spannung des "in der Welt" – nicht "von der Welt" bestehen. Und es bleibt die Aufgabe, diese zu bewältigen bzw. das Scheitern daran immer wieder zuzulassen und durch es hindurchzugehen, um es so fruchtbar für die ewigen Werte zu machen und der Welt doch ein wenig mehr "abzusterben". Abzusterben – bis schließlich Bruder Tod den Kampf beendet und unseren Lebensschwerpunkt grundlegend verlagert dorthin, wo das Wunder der Weihnacht uns endgültig zu uns selbst befreit und in Liebe erstrahlen lässt.

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Petra Maria Hothum SND, Oktober 2018

Dasein im Schauen

Es hat sich gefügt, dass ich bin und schaue. …
Bei solch einem Anblick verlässt mich stets die Gewissheit,
dass das Wichtige wichtiger ist
als das Unwichtige.

— Wislawa Szymborska

An diese Gedichtverse der polnischen Lyrikerin Wislawa Szymborska musste ich denken, als ich vor ein paar Tagen am schmiedeeisernen Hoftor des Ashram Jesu unzählige Spinnennetze entdeckte, die mit Tauperlen übersät waren. Ich blieb stehen, schaute und bestaunte dieses filigrane Kunstwerk, die verschwenderische Fülle im scheinbar „Unwichtigen”, die sich meinem Auge bot. Sie war wunderbar, ließ sich allerdings nicht annähernd in ein Foto bannen, wenngleich ich einem Versuch nicht widerstehen konnte. Diese Schönheit und Pracht war einfach nur da, um in diesem Augenblick in Augenschein genommen zu werden, um hier und jetzt den zu berühren, der ist und schaut oder besser vielleicht gesagt: dem sich im Schauen eine Ahnung von unbedingtem Sein-Dürfen vermittelt.

Eine solche Schönheit und Fülle lässt sich weder halten, noch hat sie für den Betrachter einen greifbaren Nutzen. Das, woraus sie besteht, hat keinen materiellen Wert, ist völlig unspektakulär. Ja, unter dem Blickwinkel der Funktionalität erscheint sie sogar als störender, lästiger Schmutz, den es zu entfernen gilt, um die gepflegte Fassade wieder herzustellen. Und im Blick auf den gesellschaftlichen Trend hin zum Schneller, Weiter, Höher, Größer, Spektakulärer … fällt sie komplett durch.

Und dennoch war dieses morgendliche Erleben für mich ein Geschenk mit nachhaltiger Wirkung:

„Es hat sich gefügt, dass ich bin und schaue.” – Sein, Schauen, Verweilen, das ist es, wozu der Ashram Jesu einlädt, oder mit den Worten gesagt, in denen wir unsere Meditations- und Lebensweise gerne zusammenfassen: „Verweilen in der Wahrnehmung dessen, was ich von mir hier und jetzt merke – achtsam, gelassen, liebevoll.” Aus diesem schauenden, hörenden Dasein erwachsen Schritte auf dem Weg zum wahren Selbst. Zutiefst ist dies Geschenk, das wir nicht machen können. Aber wir können und dürfen der Sehnsucht danach einen Raum bereiten. Unterstützung dabei bieten auch die Kurse, Veranstaltungen und regionalen Gruppen des Ashram Jesu.

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Bertram Dickerhof SJ, August 2018

Tod

In den letzten Wochen ist mir das Thema Tod in vielfacher Weise begegnet: da waren mehrere Gespräche mit Trauernden, die ihre erwachsenen Kinder verloren haben. Ich habe eine Ahnung bekommen von dem Schmerz und Weh, das wie ein Schwert durch die Seele dringt. Dann der Tod in der Natur rings um die Hirsenmühle: Bäume am Elbbach, die sich schon Ende Juli verfärben und ihre Blätter fallen lassen. Die Apfelbäume verlieren ihre Früchte, ihr Saft reicht nicht mehr, um sie zu halten. Verbrannte Felder und Wiesen, soweit das Auge reicht. Kürzlich habe ich gelesen, dass Wissenschaftler die Unumkehrbarkeit der Klimaerwärmung befürchten: die auftauenden Permafrostböden und die abtauenden Gletscher setzen ungeheure Mengen an CO2 frei, ein Effekt, der durch das Abholzen der Regenwälder noch verstärkt wird.

Zerstörung und Tod.

Und wir Menschen fliehen davor. Es darf uns nicht wirklich voll bewusst werden. Der Psychiater und Romanautor Yalom sieht in seiner existenziellen Psychotherapie als tiefsten Konflikt des Menschen den Konflikt von Sein und Nichtsein an. Kinder müssen sich schon in sehr frühen Jahren mit ihm auseinandersetzen und eine Möglichkeit finden, die Todesangst zu verdrängen. Diese ist die Angst vor dem radikalen Zu-Nichte-Werden, die Angst vor dem Nicht-Sein. Der Erwachsene wandelt diese Angst um in Furcht: die Furcht vor dem Sterbeprozess und wie er zu bewältigen ist; Furcht vor der Belastung der Angehörigen, vor dem Verlust, den der eigene Tod ihnen zumutet. Aber die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Nichts, vor der Auslöschung der eigenen Person. Als Kind lerne der Mensch, so Yalom, diese Angst durch Glauben zu bewältigen, und zwar daran, etwas so Besonderes zu sein, dass zwar die anderen sterben müssen, jedoch nicht man selbst. Oder durch den Glauben, dass einen vor dem Tode ein Retter bewahrt oder durch eine Mischform der beiden Glaubensinhalte. Damit ist bis auf weiteres der Tod auch für den Erwachsenen gänzlich aus dem Leben herauszuhalten, zumindest ist er an das Ende des Lebens zu verschieben, und dieses Ende ist so weit weg, dass man nicht daran denken muss. Wein, Weib, Gesang und Bäder halfen den antiken Griechen. Was hilft uns heute? Stress in Arbeit und Konsum? Das atemlose Gieren nach immer mehr?

Das geht so, bis der Tod einen einholt: ein geliebter Mensch stirbt, und dieses Sterben trifft einen selbst ins Mark. Die eigene Person kommt in Todesgefahr und versteht, dass der Tod nicht am Ende des Lebens stattfindet, sondern bereits das ganze Leben begleitet. Der Sand in der Sanduhr des Lebens ist schon ganz ansehnlich durchgeronnen: vierzig Prozent, siebzig Prozent, …

Für das spirituelle Leben ist die Wahrheit: „Ich sterbe – jetzt! Ich bin schon mitten drin im Sterbeprozess. Mein Tod hat schon begonnen!” von zentraler Bedeutung. Nur so ist ein Leben vor dem Tod überhaupt möglich: das eigene Tun und Lassen bekommt Bedeutung: es wird ja endgültig. Die Unterscheidung von Wert und Unwert wird erleichtert. Es wird klarer, was noch zu verwirklichen ist im Leben, und dass dies jetzt anzugehen ist, wo noch Kraft dazu da ist. Als welcher Mensch möchte man auf seinem Sterbebett liegen? Was soll dann geworden sein aus einem selbst? Wenn auf den Grabstein geschrieben würde, worum es diesem Toten im Leben wirklich gegangen ist: wie würde meine Wahrheit lauten?

Wann immer ich in meinem Leben dem Tod begegnet bin, hat er mich in Panik versetzt. Zunächst. Doch dann hat mich die Begegnung mit dem Tod ernüchtert und zentriert. Der Ashram wäre ohne eine solche Erfahrung nicht entstanden. Das Bewusstsein des Sterbenmüssens ist eine große Kraft und Hilfe bei der Gestaltung des Lebens. Und es ist die Voraussetzung dafür, eine Erfahrung von Auferstehung geschenkt zu bekommen und damit die Hoffnung, dass sich das österliche Geheimnis im Zu-Nichte-Werden der eigenen Person vollendet. So lässt sich in nüchterner Hoffnung die Zeit gestalten, die einem auf dieser Erde gegeben ist./p>

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Bertram Dickerhof SJ, April 2018

Ostern

Die Heiligen drei Tage des Sterbens und Auferstehens Jesu haben in diesem Jahr eine stille Freude, eine Zuversicht und eine Perspektive bei mir hinterlassen. Das Thema „Spannung” hat sich mir als „Megathema” des Evangeliums und des Osterfestes gezeigt: Spannung liegt über dem letzten Abendmahl durch die nahe Stunde der Passion, um die Jesus weiß, und die Anwesenheit des Verräters, mit dem Jesus das Mahl teilt. Jesus musste Spannung zulassen, wenn er sich auf die Bitten der Menschen einließ, in die Konflikte mit Pharisäern hineinging und mit seinen kleingläubigen und unverständigen Jüngern auf dem Weg war. Jesu Lehre mutet den Menschen Spannung zu: sich versöhnen und vergeben, Liebe selbst gegenüber dem Feind, Kranke und Gefangene besuchen, Kleidung, Obdach und Essen mit denen teilen, die dessen ermangeln, und handeln wie der barmherzige Samariter, der sich in seinen Geschäften hat stören lassen. Nichts davon ist möglich, ohne sich zu überwinden. Das Evangelium kündet von vielfältigen Spannungen, es mutet Spannung zu und es kulminiert in Spannung: am Kreuz ist Jesus total ausgespannt.

Das Kreuz des Auferstandenen lehrt uns zu sehen, dass Spannung ein Megathema im Leben eines jeden Menschen ist. Das Leben steht in Spannung zum Tod, der seine Präsenz in den kleineren und größeren Verlusten enthüllt, die jeden Menschen im Lauf des Lebens treffen: Verluste an Geld, Vermögen, Schönheit, Jugend, Wünschen und Chancen, an Vorstellungen, die sich als Illusionen erweisen, an Beziehungen, an Gesundheit, Unbeschwertheit… Oft lassen wir diese vielfältigen Gespanntheiten des Lebens gar nicht als solche an uns heran. Fast automatisch fliehen wir davor oder kämpfen spontan dagegen an, genauso selbstverständlich, wie die Jünger bei der Verhaftung Jesu fliehen „müssen” oder die Menschen vor dem Kreuz Jesu, Gebildete und Ungebildete, ohne Zweifel überzeugt sind, dass ein Jesus, der nicht die Macht hat, vom Kreuz herabzusteigen, sich also aus der Spannung zu befreien, unmöglich der wahre Messias sein könne. Doch Jesus geht mit den Spannungen des Lebens ganz anders um: er lässt sich freiwillig in sie hineinnageln, er leidet sie aus bis zum Ende, bis der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei reißt, bis er in die Herrlichkeit der Freiheit verwandelt ist, zu sein, wer er selbst in Wahrheit, vor Gott, ist.

Im Johannesevangelium (Joh 20,19-29) werden die Umstände der Ostererscheinungen vor den Jüngern und acht Tage danach vor Thomas, der sich zuvor nicht im Kreis der zehn anderen Jünger aufgehalten hatte, beide Male ähnlich geschildert: die Jünger haben sich eingesperrt, Jesus kommt, tritt in die Mitte, spricht den Friedensgruß. Den Durchbruch zum „Sehen des Herrn” bewirkt das alles noch nicht. Der Sieg der Osterfreude und des Osterglaubens wird dadurch bewirkt, dass Jesus ihnen seine Wunden zeigt. Die Jünger haben sie wohl nicht sehen können, er muss sie ihnen zeigen. Und erst da brechen sich die Erkenntnis des Herrn und die Freude Bahn.

Die verschlossene Tür deute ich als Zeichen für die Spannung, in der sich die Jünger befinden und aus der sie nicht heraus können. In der angespannten Gruppe findet nun durch das Eintreten Jesu ein Prozess statt: es entsteht eine Bewegung („er kommt”), die ihre Beziehungen erfasst, das Zwischen – „er tritt in ihre Mitte” – vielleicht so, dass sie beginnen sich zu trauen, ihre Spannung in Worte zu fassen und das Gespräch ihnen Erleichterung verschafft („er sagt: Friede sei mit euch”)? Ihr Gespräch wird Erleichterung und Loswerden der Spannung als Thema und Ziel haben. So können sie seine Wunden aber nicht sehen. Er muss sie ihnen zeigen. Da erkennen sie sich selbst im gekreuzigten Auferstandenen wieder, erkennen sie, dass sie in Spannung sind und sie tragen dürfen und müssen, wie Jesus freiwillig sein Kreuz getragen hat; dass die Spannung nicht weg gemacht werden muss, dass sie weder verkehrt noch schlecht ist. Sie entspricht nicht der Auffassung der Vielen vom Leben und sie ist nicht angenehm. Das Annehmen der Spannung befreit vom Sisyphos-Kampf, das Leben spannungsfrei zu bekommen, was es jedoch nicht ist. In Wahrheit ist das Durchleben der Spannung, die das Leben bringt, der Weg zu seiner Vollendung: in der Herrlichkeit der Freiheit zu sein, was es in Wahrheit ist, nämlich Schöpfung der Liebe Gottes.

Es trifft meine Erfahrung, dass der Auferstandene seine Wunden zeigen, sie aktiv offenbaren muss, damit man selbst sich darin erkennen kann und darüber die Erlaubnis bekommt, die eigenen Spannungen nicht weiter bekämpfen, nicht verdrängen, nicht lösen zu müssen, sondern sie durchleben zu dürfen – bis zum Ende, bis zu dem Punkt, an dem sie sich von innen her lösen und offenbaren, was zu tun ist. Das ist eine erlösende Botschaft: Die vielfältigen Spannungen des Lebens dürfen durchlebt werden. Sie sind Katalysatoren eines wahreren, auferstandenen Lebens in Gott. Bei mir löst das eine tiefe Freude und tiefen Frieden aus: das Ende der Kämpfe ist in Sicht. Das Schreckliche verliert seinen Schrecken, wenn ich mich damit in den Wunden des Auferstandenen spiegeln kann.

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Bertram Dickerhof SJ, März 2018

Passion

Oft wird am Ende eines Aufenthaltes im Ashram Jesu gesagt: „Gut, dass es diesen Ort gibt!” Der „Ort”: eine alte Mühle mit wenig Komfort und der Ästhetik der Einfachheit, schön gelegen, geradezu „umarmt” von Fluss, Wiesen und Wald, in einer Oase der Ruhe, der Unmittelbarkeit und des Sein-Dürfens. Ein Ort, an dem der Gast mehr bei sich selbst ankommt, bei seinem Grund; und er ahnt, dass dieser Grund der Abgrund des Geheimnisses aller Wirklichkeit ist; dass die Gegenwart, die ihn im Ashram Jesu umfängt, von Gott erfüllte Gegenwart ist. Ja, dann ist da gut sein!

Allerdings, es passt, dass der Ort am Ende des Kurses gerühmt wird, dann nämlich, wenn der Gast wieder in seine Alltagswelt zurückkehrt, beschenkt und zentriert – und vielleicht auch froh, wieder abreisen zu dürfen. Denn bei sich selbst ankommen heißt, Ja sagen zu all den Seiten, die das Selbst während einer Zeit im Ashram zu erkennen gibt. Die angenehmen, schönen, friedlichen sind nicht das Problem, sondern die Öde und Stumpfheit, die das Selbst zeigt, seine Unzufriedenheit, manchmal Zerrissenheit, seine Hilflosigkeit… Wenn es Letztere erfährt, dann möchte es nicht mehr bei sich aushalten, sondern es strebt weg, um sich aus der Gegenwart zu retten.

Als die Stunde seiner Passion gekommen ist, die alle kleinen und großen Passionen eines jeden Lebens in sich enthält, zeigt sich auch das Selbst Jesu als prekär, wenn es spricht: „Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen” (Joh 12,27). Wer existentiell erschüttert ist, was liegt dem näher als zu bitten „Vater, rette mich aus dieser Stunde”, und wegzulaufen, damit das Retten auch klappt? Doch Jesus will dieses Naheliegende nicht. Sein zweiter Satz heißt vervollständigt etwa: „Ich bin gerade deshalb in diese Stunde gekommen, damit ich, indem ich sie annehme, meine Bestimmung finde.”

Das ist eine Herausforderung, die gegen den Strich geht und schwer zu fassen ist. Doch kann die klare Haltung Jesu auch entlastend wirken auf eine Person, die mit ihrer „Stunde” ringt und mit sich kämpft. Denn die Klarheit Jesu lässt die Wahrheit dieser Stunde, nämlich dass das Selbst prekär ist, zu Tage treten und macht klar, worauf es jetzt im Leben ankommt: diese Wahrheit gelten zu lassen und anzunehmen und dafür Energie und Aufmerksamkeit einzusetzen. Annehmen heißt, Ja sagen zu dem, was ist, und wie es im Bewusstsein ist, heißt wegstrebende Wünsche nicht auszuagieren und Vorstellungen loszulassen, an denen das Leben zu hängen scheint. Nur so kommt man auf dem Grund der Wirklichkeit an. Nur so gelangt man auch auf den Grund seiner selbst. Nur dort teilt sich Gott mit als Vater und weist die lösende Lösung. Die Kraft dazu kommt aus dem „wachet und betet!” des Ölbergs, der Meditation, der Gemeinschaft mit anderen auf dem gleichen Weg – und aus der Gnade. In dieser Kraft und in der Gewissheit, dass es jetzt so geschehen „muss”, lässt sich handeln und sich verhalten wie Gott es offenbart.

Ein Jesus, der überzeugt ist, gerade „deshalb in diese Stunde gekommen” zu sein, damit er durch ihre Annahme seine Bestimmung findet, muss an einen Sinn sowohl einer solchen Stunde, als auch der Annahme des in ihr prekär gewordenen Selbst glauben. Dieser Sinn liegt in einer Transformation: das Selbst, „das sich als Weizenkorn in die Erde fallen lässt, … bringt reiche Frucht, … wird vom Vater geehrt, … wird dort sein, wo auch Jesus ist” (Joh 12,24-26): es wird hineinverwandelt in ein wahrhaftiges Sich-Selbst-Sein bei Gott.

Ostern ist, dass dieser Glaube Jesu auch seine Jünger erfasst. Für sie wird Wirklichkeit, dass Jesus transformiert wurde, aufersteht ins Haus seines Vaters hinein, ins wahre Leben; den Jüngern wird plausibel, dass er ihnen dort einen Platz vorbereitet, eine Wohnung im Haus des Vaters, einen Ashram Jesu im Himmel sozusagen; sie erfahren sich auf dem Weg dahin begleitet, „damit auch ihr dort seid, wo ich bin.” Der Weg ins Leben ist sein Weg, der Weg der Annahme der Wahrheit des Selbst hier und jetzt. Darum: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!” (Joh 14,1-6).

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Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2017

Weihnachten erfahren

An Weihnachten feiern die Kirchen das Fest der Geburt Jesu: Er lebt unser Menschenleben mit, ausgeliefert wie wir den Mächten und Gewalten dieser Welt. Anders als wir, lebt er aus einer innigen Verbindung mit Gott, seinem Vater, seinem tiefsten Grund, so dass die Kirche sagen kann: Jesus ist „Gottes Sohn”. Gott selbst ist in ihm an unserer Seite. Dieses Angekommensein Jesu bei sich selbst äußert sich als demütige Liebe, als Offenheit allen Menschen gegenüber, als Versöhnung und Vergebung, als Wahrheit. Nicht als Macht und Herrschaft und Gewalt. Diese demütige Liebe bleibt sich selbst treu im Leben wie im Sterben Jesu, inmitten seines Leidens, selbst in einer Flut von Hass und Verachtung, selbst am Abgrund des Bösen – so böse wie unsere Welt eben sein kann. Doch weil Jesu Liebe sich selbst treu bleibt, inmitten des anbrandenden Bösen er nicht aufhört zu lieben, läuft sich dieses Böse, läuft sich auch der Tod, an ihm tot. Tod und Bosheit haben nicht das letzte Wort. Unzerstörbar ist die Liebe, die aus Gott hervorquillt, die Er selbst letztlich ist.

Eine wunderbare Botschaft. Gibt es bessere, trostvollerer Worte als diese?

Doch es sind eben auch nur Worte. Man hört sie und vergisst sie. Oder wertet sie ab. Stimmen Sie überhaupt? Da wird von Gott gesprochen: gibt es denn einen solchen Gott? Und wenn es ihn gibt, ist er dann lieb? Und der menschgewordene Gott, Jesus: hat der denn wirklich gelebt? War er denn so, wie die Evangelien ihn darstellen? Ist er denn wirklich in demütiger, vergebender Liebe gestorben? Am Kreuz? Der Koran verneint Letzteres. Und viele Zeitgenossen verneinen alle diese Fragen. Mindestens gibt es Zweifel. Man sehnt sich nach einem Zweig von Hoffnung und Heil – etliche auch das nicht mehr – und muss die Achseln zucken angesichts der Welt, wie sie im Alltag erlebt wird. Es zweifeln nicht nur die andern, die das Credo nicht mitsprechen: auch wir selbst zweifeln immer wieder.

Deswegen ist es mir im Lauf der Jahre immer wichtiger geworden, in einem Deutschland, das inzwischen zu einem der vielleicht am wenigsten betenden Länder geworden ist, zu werben für ein Beten, das in Einkehr bei sich selbst und Innehalten besteht; im Gewahren dessen, was das eigene Herz bewegt – und einem Dabei-Verweilen, indem die Person dem Herzen das, was ist, zugesteht, es annimmt und dasein lässt: es ist doch ein Teil der Person selbst hier und jetzt, das Schöne und das Elende. Dann hat sie die Chance, und nur dann, mit der Erfahrung demütiger Liebe beschenkt zu werden, deren Existenz wir an Weihnachten feiern. Nur so besteht die Chance, der Wirklichkeit Gottes gewahr zu werden. Schöner gesagt:

Die Frucht der Stille ist das Gebet.
Die Frucht des Gebets ist der Glaube.
Die Frucht des Glaubens ist die Liebe.
Die Frucht der Liebe ist das Dienen.
Die Frucht des Dienens ist der Friede.

— Mutter Teresa

„Es ist alles so einfach”, sagt Mutter Teresa. „Warum sollte jemand eine Anleitung für diesen einfachen Weg brauchen? Wir, oder sonst jemand, brauchen nur zu beten und zu beginnen, einander zu lieben. Der erste Schritt besteht darin, es zu wollen.”

In der Tat ergeben sich aus solchem Beten Handlungen im Geiste Jesu: Begegnungen. Einfache Begegnungen. Nicht als Geber und Nehmer, nicht in Rollen, sondern als Menschenbruder und Menschenschwester. Menschliche Begegnung – auch mit den Bettlern auf der Straße und den aus ihrer Heimat zu uns Geflüchteten. Vielleicht davon mehr – und weniger weihnachtlicher Kaufrausch.

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Bertram Dickerhof SJ, November 2017

Virtuelle Meditationsgemeinschaft im Advent

Die „virtuelle Meditationsgemeinschaft”, zu der ich in der Adventszeit einlade, besteht darin, durch eine tägliche Zeit des Innehaltens bewusst einen geistlichen Akzent zu setzen: 15 bis 30 Minuten des Sich-Niederlassens und Entspannens, des Atmens, des Sich-selber-Spürens und Verweilens bei dem, was dabei von sich selbst gespürt wird: der Mensch, der ich selber bin, gestattet sich für diese Zeit am Tag der Mensch zu sein, als den er sich vorfindet. Einfach nur sein, was ich im Moment bin, ohne nach Verbesserungen zu streben – in einer Haltung entspannter Wachsamkeit, die sich spürt – den Körper, Gefühle, Stimmungen, die geistige Verfasstheit – und zugleich offen ist für das Ganze. Kein Wächter kann seine Achtsamkeit nur auf einen kleinen Ausschnitt seiner Umgebung begrenzen, er bleibt offen für das Ganze. Das ist Lauschen, Hören auf Gott, und das ist es um so mehr, wenn ich mich wahrnehme mit dem Blick Christi: demütig und liebevoll. Wer das Bedürfnis dazu verspürt, kann Gott auch anreden mit dem, wobei er/sie hier und jetzt verweilt: z.B. „ich bin so traurig, Herr”.

Wenn die Teilnahme an der virtuellen Meditationsgemeinschaft nicht eine reine Sache der Disziplin werden soll, sondern eine Zeit geschenkter Zuwendung an sich selbst, dann empfiehlt es sich zu schauen, welche Termine, Erledigungen usw. minimiert und vielleicht sogar gestrichen werden können. Weniger! heißt die Devise.

Die „virtuelle Meditationsgemeinschaft” bildet zwar keine am selben Ort und zur selben Zeit zusammentretende Gruppe, aber eine solidarische Gemeinschaft von Menschen, die sich Innehalten gönnen. Der Einzelne weiß, dass etliche andere im Advent innehalten wie er selbst.

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Bertram Dickerhof SJ, October 2017

Spirituelle Spurensuche

Im nächsten Jahr bietet unser Ashram-Programm neben dem gruppendynamischen Training eine weiteren speziellen Kurs an, Spirituelle Spurensuche, den ich Euch hier vorstellen möchte. Der Extraflyer, den es zu diesem Kurs gibt, hängt unten an.  Bei der Spirituellen Spurensuche handelt sich um einen Jahreskurs, ein Format, mit dem wir sehr gute Erfahrungen machen. Die Teilnahme daran steht allen offen, die das Programm dieses Kurses interessiert und sich darauf einlassen wollen.
Die Spirituelle Spurensuche hat eine Besonderheit gegenüber unseren sonstigen Kursen: nicht von Anfang an wird durchgehend geschwiegen und 45 min meditiert: die Meditationszeiten steigern sich allmählich, so dass schafft mehr Zeit dafür ist, sich entlang zweier „Schnitte” durch das große Feld spiritueller Fragen miteinander und mit sich selbst auseinanderzusetzen:

So geht es im ersten Schnitt (26. - 28. Januar 2018) darum, wieso es sich lohnt, den Anfragen des Lebens Raum zu geben, – und wie dies geschehen kann. Was sind solche Anfragen des Lebens? Meistens die Ereignisse oder Entwicklungen, die den eigenen Vorstellungen von sich selbst, Gott und der Welt nicht entsprechen: Enttäuschungen aller Art, Verluste, Krankheiten, Unzufriedenheiten mit sich und der Welt.... Ich glaube, die meisten Leser werden die Liste mit Beispielen aus ihrem Leben erweitern und konkretisieren können. Gewöhnlich streben wir krampfhaft nach einer Lösung. Oder wir resignieren. Oder wir lenken uns ab: Bei diesem Wochenende steht die Überzeugung in der Mitte, dass diese Anfragen des Lebens lohnende Momente des Lebens sind, die zu Chancen werden können. Wie dies geschehen kann, dazu werden Methoden gezeigt.

Diese Thematik hängt unmittelbar zusammen mit der des zweiten Schnittes durchs spirituelle Feld (04. - 06. Mai 2018): Ist dem Leben zu trauen? – die Gottesfrage. Mit Gott meine ich an dieser Stelle nur ein Unbedingtes, Absolutes, das auch der Buddhismus kennt. Alle Religionen haben das; aber auch Kant, der alle Gottesbeweise hinwegfegte, braucht einen Gott, der eine letzte Gerechtigkeit schafft. Und auch bei Philosophen jüngster Zeit hat „Gott” ein wenig Konjunktur. – Ist also dem Leben zu trauen? Da ist Raum für persönliche Antworten. Vielleicht sind viele skeptisch oder verneinend. Es ist aber auch Raum für Überlegungen, die auf der eigenen Lebenserfahrung sowie den inzwischen gemachten Erfahrungen mit dem täglichen Innehalten basieren: dass sich eine gewisse Art von Vorschussvertrauen lohnt und dadurch Vertrauen und Hoffnung bestärkt werden. Außerdem: was sind die Alternativen zum Vertrauen?

Mit Reden allein geht es nicht weiter. Es braucht eine Erfahrung. Zu dieser Erfahrung soll ein neuntägiger Kurs verhelfen (13. - 23. September 2018), in dem die Teilnehmenden üben, sich selbst sein zu lassen, wie sie sich jeweils vorfinden, – und dies achtsam, gelassen und liebevoll, – um sich zu bereiten, ihrem Grund zu begegnen. Dieses vorschuss-vertrauende Standhalten bei sich selbst ist wie ein „Sprung in den Brunnen” (Hubertus Halbfas). Vom Weg in die Tiefe ist nur der Beginn sichtbar. Unten soll die Quelle des Lebens sein – aber was begegnet einem auf dem Weg dorthin? Aus der Quelle des Lebens trinkt keiner, es sei denn er erkennt seinen eigenen Grund: das, was sein Leben de facto beherrscht: Leistung, Konsum, Arbeit oder Streben nach Anerkennung, Macht, Erlebnis oder was immer. Damit zugleich werden tiefe Bejahung und Hoffnung erlebt, die es erlauben, sein die Freiheit des Geistes fesselndes Fundament einen Schritt weit loszulassen. – Wochen später gibt es ein Abschlusstreffen, in dem der eigene Weg durch das Jahr „bilanziert” wird.

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Bertram Dickerhof SJ, September 2017

Gruppendynamisches Training im Ashram

Vom 13.-19. Januar 2018 bot der Ashram Jesu wieder einmal ein gruppendynamisches Training an. Dazu ein paar allgemeinere Bemerkungen:

Die Gruppendynamik wurde von Levin nach 1945 bei einem Demokratie-Seminar in den USA „entdeckt”, als er zufällig auf die Wirksamkeit von Feedback für Gruppen stieß, und daraufhin begann, Feedback als wichtige Methode sozialen Lernens zu nutzen. Heute steht das Wort „Gruppendynamik” sowohl für diese Methode sozialen Lernens als auch für einen Forschungsbereich der Sozialpsychologie, der sich mit den Dynamiken einer Gruppe beschäftigt, also den Kräften, die in jeder Gruppe wirken. Wer diese nicht meistern kann, der wird von ihnen bemeistert.

Gruppendynamik ist eine basale Methode: sie betrachtet eine Gruppe als System, nicht nur als Ansammlung von Einzelnen; sie hat Ansätze der Aktionsforschung in sich aufgenommen – es geht um (Sprech-)Handeln in der Gruppe – sowie der Encounter Bewegung – „hier und jetzt”-Prinzip, Fokussierung. Ihrerseits ist sie der Mutterboden für die bekannte Themen-Zentrierte-Interaktion (TZI), für Gruppentherapie in ihrer heutigen Form und den Umgang mit den Dynamiken in Organisationen.

Sich in einer Gruppe zu bewegen, sei es als Teilnehmer, sei es als Leiter, ist nicht durch Theorie allein zu lernen: Es bedarf des Trainings – und damit Mühen und Frustrationen, wie sie auch aus dem Sport bekannt sind. Themen, die in jeder Trainings-Gruppe (TG) eine Rolle spielen, sind z.B.: Anfangssituationen; was ermöglicht bzw. verhindert Leitung; welche Strukturen bedingen welche Prozesse?; verstehen, was das so oft gebrauchte Wort „Prozess” überhaupt bedeutet; die fundamentale Bedeutung von Zugehörigkeit, Macht und Nähe und natürlich die persönlichen Hemmnisse, die es einem Teilnehmenden schwer machen, in seiner Gruppe zurecht zu kommen, also sich einbringen, sich frei und spontan äußern zu können, von anderen verstanden zu werden, Einfluss auszuüben und als Person gehört und wahrgenommen zu werden. Die Gruppe bei Grundübungen im Ashram, die ja manche von Euch kennen, ist keine klassische TG; sie würde etwa als Resonanzgruppe bezeichnet werden.

Bei Trainings im Ashram hat sich bewährt, abends und morgens zu meditieren (wer möchte) und vom Abendessen bis zum Frühstück zu schweigen. Tagsüber, sowohl in den formellen Seminarteilen, als auch in den übrigen Sunden, im sog. informellen Bereich also, ist Sprechen nicht nur „erlaubt”, sondern notwendig und gewünscht.

Für mich persönlich war es ein großes Glück, die Gruppendynamik kennen gelernt zu haben. Sie hat mir geholfen, handlungsorientierter, spontaner und direkter zu werden, Konflikte einzugehen, statt sie zu umschiffen, und nicht nur die Worte des anderen zu hören, sondern ihm „mit dem dritten Ohr” zu lauschen. Sie hat meine Angst vor Gruppen gemindert und mir gezeigt, wie die Leitungsrolle wahrgenommen werden kann. Und, ganz wichtig: sie hat mich persönlich nachreifen lassen: ich stieß auf Themen und konnte mich mit ihnen auseinandersetzen, die in meiner Entwicklung zu kurz gekommen waren, weshalb Ängste meine Freiheit fesselten. Für mich als späteren Seminarleiter war Gruppendynamik unabdingbar. Ich habe deswegen, wie auch Petra Maria, die ganze lange Ausbildung zum ausbildungsberechtigten Trainer für Gruppendynamik im entsprechenden Fachverband (DGGO= Deutsche Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsdynamik, früher eine Sektion des DAGG) durchlaufen. Eine Ausbildung, die ich, wie viele andere Kollegen, als die fruchtbarste im Reigen aller praxisbezogenen Ausbildungen empfunden habe. Dennoch: an Gruppendynamik muss man Lust finden; vielleicht ist sie nicht jedermanns und -fraus Sache. Und eine gewisse psychische Belastbarkeit ist nötig. Was sie jedoch auf persönlicher und beruflicher Ebene lehren kann, ist so wertvoll, dass sich ein Versuch mit ihr lohnt, auch wenn dieser Schatz mit einem einzelnen Training allein nicht zu heben ist.

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Petra Maria Hothum SND, August 2017

Enttäuschung

In den letzten Ashram-Kursen tauchte mehrfach das Thema „Enttäuschung” auf. Die Anlässe dafür und die Bereiche, in denen Teilnehmende Enttäuschendes erlebt haben, waren vielfältig.

So etwa in Beziehung und Partnerschaft, in familiären Kontexten, in beruflichen Gegebenheiten und Entwicklungen, im Scheitern von Projekten und Aufbrüchen verschiedener Art, im Spüren eigener Grenzen, im Erleben von schwer zu akzeptierendem Verhalten anderer sowie eigener - manchmal eingefahrener und wenig lebensförderlicher - Verhaltensmuster. Und über das hinaus, was die Teilnehmenden aus ihrem Alltag mitgebracht haben, bietet auch das Setting des Ashram Jesu selbst in seiner Reduziertheit und Konzentration auf Wesentliches immer wieder Gelegenheiten, Enttäuschung zu erleben. Sei es, dass bestimmte materielle Annehmlichkeiten nicht verfügbar sind oder aber, dass Hoffnungen und Erwartungen, die man an sich, seine Gestimmtheit, den Prozess, die Meditation ... hat, sich nicht erfüllen.

Wie nun mit solchen Enttäuschungen umgehen?

Ein wichtiger Schritt ist, sich seiner Enttäuschung überhaupt bewusst zu werden, zu merken, wie man an einer Situation, einem Mangel leidet, darüber nicht hinwegkommt, immer wieder vielleicht an eine Grenze stößt, immer wieder vor die Wand läuft. Sich eine solche Wirklichkeit einzugestehen, ist alles andere als einfach oder selbstverständlich. Das Zugeben entsprechender Empfindungen – und wenn auch erst einmal nur vor sich selbst – kann am eigenen Selbstbild kratzen; das Spüren der Unannehmlichkeit, Unerfülltheit oder des Schmerzes stört vielleicht die normalen Abläufe und das reibungslose Funktionieren; unter Umständen kommen Zweifel oder Fragen auf, denen man sich lieber nicht stellen würde aus Angst vor einer Antwort, die nicht zum eigenen Wünschen und Planen passt.

Entsprechend entwickeln wir normalerweise gerne Strategien der Abwehr, um entweder Enttäuschungen gar nicht an uns heranzulassen oder aber damit einhergehende Erschütterungen möglichst begrenzen und kontrollieren zu können. Dies reicht von Anstrengungen, die Enttäuschung zu überwinden bzw. eine schnelle Lösung des Problems zu finden oder aber um jeden Preis den Status Quo aufrecht zu erhalten über Beschwichtigungen, Erklärungs- oder Entschuldigungsversuche bis hin zu verschiedensten Weisen der Ablenkung.

Im Ashram Jesu versuchen wir, auf solche Strategien – wenn sie uns denn bewusst werden – zu verzichten, Enttäuschendes wahrzunehmen, dabei zu verweilen und zu lernen, damit zu leben. Indem wir immer wieder üben, das, was ist, nüchtern da sein zu lassen und es zu durchleben, sei es noch so unangenehm, frustrierend oder schmerzlich, kann langsam ein anderer, tieferer Kontakt zur Wirklichkeit, wie sie nun einmal ist, wachsen oder besser gesagt: geschenkt werden. Der Blick kann sich weiten, mit einem Mal werden Facetten erkennbar, die an der Oberfläche zunächst nicht sichtbar waren. Dieses tiefere Verstehen geht oft einher mit einem wachsenden Erkennen von eigenen Anteilen an einer enttäuschenden Situation, vielleicht auch von Zusammenhängen mit der eigenen Lebensgeschichte, die über die aktuelle Enttäuschung hinaus weisen, zugleich aber nicht selten eine Erklärung bieten können für die Heftigkeit der damit verbundenen Empfindungen.

Auf einem solchen Boden des Wahrnehmens und geduldigen Verweilens kann eine Enttäuschung zur Ent-täuschung werden, „zum Ende der Täuschung durch die Vorstellungen und Hoffnungen des Ego” (B. Dickerhof, Der spirituelle Weg, S. 245).

Was ist die Wirkung eines solchen Umgangs mit Enttäuschendem?

So hart und schmerzlich der Abschied von einer Illusion sein kann, die ich mir gemacht habe vom Leben, von mir selbst, einer Beziehung, einer Situation..., hat ein solcher Prozess des Durcherlebens einer ent-täuschenden Wirklichkeit doch letztlich klärende, lösende und befreiende Wirkung. Das Ego verliert an Macht, und das wahre Selbst kommt auf diesem Weg immer mehr zum Vorschein. Aus diesem heraus kann ein Mehr an Annahme des Enttäuschenden möglich werden, was wiederum auch zu differenzierteren, tragfähigeren Lösungsansätzen oder Entscheidungen führt – dort, wo solche anstehen. Und manchmal erwächst aus der Ent-Täuschung eine ganz neue, unerwartete Perspektive, die man so vielleicht gar nicht wünschen und erhoffen konnte, die aber durchaus die eigenen Erwartungen übertrifft.

In den oben angesprochenen Kursen wurde immer wieder deutlich, wie wichtig beim Durchgehen durch enttäuschende Wirklichkeit neben der Meditation auch andere Menschen sind. Die hörende Präsenz, die Unterstützung und das ehrliche Feedback in der Gruppe haben oft zu hilfreichen Einsichten und Auseinandersetzungen für die jeweils Betroffenen geführt und sie einen Schritt weiter gebracht.

Unterstützend beim Umgang mit den je eigenen Enttäuschungen war ebenso die Beschäftigung mit dem entsprechenden Kapitel aus Bertrams Buch „Der spirituelle Weg”. Er sieht „Die ent-täuschende Nicht-Annahme von Enttäuschungen” als wichtige Phase auf dem hinabsteigenden Weg an und beleuchtet dies eingehend. In den Kursen haben seine Darlegungen sehr zur Erhellung und Vertiefung der Thematik beigetragen, und auch Ihnen und Euch möchte ich sie sehr empfehlen.

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Bertram Dickerhof SJ, Juni 2017

Beten

Im Nachgang zum letzten Newsletter über die Wohltat des Gebets, möchte ich Euch drei kleine Ergänzungen schicken:

Erstens:

Die Frucht der Stille ist das Gebet.
Die Frucht des Gebetes ist der Glaube.
Die Frucht des Glaubens ist die Liebe.
Die Frucht der Liebe ist der Dienst am Nächsten (das Dienen).
Die Frucht des Dienens ist der Friede!

— Mutter Teresa

Diesem Wort entspricht auch meine Erfahrung: wenn der Mensch in der Stille ruhig wird und wieder zu sich kommt, zu Atem kommt, beginnt es ganz natürlich in ihm zu beten: er kann sich öffnen und lernt dabei, einer vertrauenswürdigen und liebenden Gegenwart inne zu werden, die sanft dazu drängt, auch den Mitmenschen in seiner Bedürftigkeit zu gewahren. Wer diesem leisen Zug nachgibt, wird von Frieden erfüllt. Das Schöne dabei: der einfache, gewaltlose, selbstverständliche Prozess, in dem eines aus dem anderen hervorgeht.

Zweitens: Was heißt Beten? Dazu:

„Als mein Gebet immer andächtiger und immer innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still;
ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.
So ist es. Beten heißt nicht, sich selbst reden hören,
beten heißt still werden und still sein,
und warten, bis der Betende Gott hört.

— Kierkegaard

In der Tat: viele Menschen verhalten sich im Gebet, wie Kinder mit ihren Wünschen gegenüber ihren Eltern: viele Worte, quengeln, sich ordentlich benehmen, ein paar Vorleistungen erbringen. Wenn Gott sie dann nicht erhört: Schmollen! Genau genommen wollen sie – wie Gott – die Wirklichkeit nach ihren Vorstellungen schaffen. Welche Anmaßung und Ver–rücktheit! Das Leiden an der Wirklichkeit ist auch als Problem des Beters anzusehen, der umkehren sollte, wenn seine Vorstellungen und Erwartungen ihn hindern, in der gegebenen Wirklichkeit Gottes Kommen zu erfahren. Dazu muss er auf die Störungen hören, die diese Wirklichkeit in ihm auslöst, d.h. auf seine inneren Bewegungen achten und dabei verweilen, „warten bis der Betende Gott hört”. Dann kann geschehen, was,

drittens, Alfred Delp im Gefängnis widerfuhr, als er erkennt:

Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt ergleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis zu dem Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott hervorströmen. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Der Auftrag ist der, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung werden zu lassen. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.

— Alfred Delp

Das Leben aus der Stille heraus und dem Hören nach innen und damit in der Gegenwart Gottes – dazu ist der Christ berufen.

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Bertram Dickerhof SJ, Mai 2017

Die größte Wohltat, die man der Welt erweisen kann

Den folgenden Text hat Sr. Gertrud Dahl geschrieben. Sie war 16 Jahre die Leiterin ihrer Gemeinschaft, besuchte den Ashram von Anfang an, hat am Lernweg teilgenommen und meditiert seit einigen Jahren mit einer Gruppe ihrer Schwestern. Sie schreibt:

„Seit über 20 Jahren begleitet mein Leben Madeleine Delbrêl, die „Mystikerin der Straße” (1904-1964). Für sie, die über 30 Jahre ihres Lebens in Ivry, einer Arbeiterstadt und Hochburg des Kommunismus im Südosten von Paris verbracht hat, war das Gebet die Kraftquelle ihres Lebens. Madeleine Delbrêl spricht dem Gebet eine „unsere Welt verwandelnde Kraft” zu. Sie sagt: «Heute ist beten die größte Wohltat, die man der Welt erweisen kann.»

Ich versuche eine Deutung dieser Worte, die geprägt ist von meinen eigenen Gebetserfahrungen.
Das Beten ist zunächst eine Wohltat für mich selbst.
Eines ist sicher: Gott braucht mein Gebet nicht. Er weiß überdies, was mir fehlt und wie es um mich steht, – besser als ich es selbst wissen kann.
Gottes wegen brauche ich nicht zu beten, aber ich bete um meinetwegen.
Je mehr Beten einen festen Platz in meinem Leben hat, desto fester bin ich überzeugt, dass ich mein Leben und alles, was mein Leben wirklich bereichert und letztlich lebenswert macht, selbst nicht machen kann. Das alles ist Geschenk, für das ich offen sein, bei dem ich mitwirken, das ich aber letztlich nicht entscheidend beeinflussen kann. Und ich staune, wie sich Vieles in meinem Leben, auch Schweres und Belastendes, zum Guten wendet.
Wenn ich vor einem Problem stehe, bringe ich dieses Problem in meinem Gebet vor Gott. Wenn ich dieses Problem nicht sehr schnell und nur nach meinen kurzsichtigen Vorstellungen lösen will, wenn ich also Geduld habe und warte, bis sich von Gott her eine Lösung zeigt, bis sich mir eine andere Sicht auf das Problem auftut, dann kann ich diese Lösung umsetzen – selbst wenn ich dafür wenig Zustimmung bekomme.

Das Gebet ist nicht nur für mich eine Wohltat, sondern auch für meine Mitmenschen, besonders für diejenigen, für die ich bete. Am spürbarsten ist das bei Schwierigkeiten mit einem Menschen in meiner näheren Umgebung. Zunächst bin ich voller Unmut, Enttäuschung, auch Ärger… Es braucht immer mehr oder weniger Zeit, bis ich mich entscheiden kann, für diejenige oder denjenigen, der mir aus meiner Sicht Schwierigkeiten macht, zu beten. Jedes Mal neu kann ich die Erfahrung machen, dass sich dann meine Beziehung zum Positiven hin ändert. Ich verliere die Fixierung auf das Fehlverhalten der anderen, kann auch meinen Anteil an der gestörten Beziehung sehen. Es „renkt sich zwar nicht in jedem Fall alles wieder ein”, aber ich werde befreit von meiner Befangenheit, von meinem festen Bild, das ich von meinen Mitmenschen hatte.

Das Gebet ist eine Wohltat für mich selbst, für meine Mitmenschen und schließlich für das, was weltweit geschieht. Belasse ich es nicht dabei, von Armut, Hunger, Krieg oder Terror nur zu lesen oder in den Medien zu hören, sondern bete auch für diese Menschen, dann wächst meine Solidarität mit ihnen. Es wächst in mir die Bereitschaft, gegen diese weltweite Not etwas zu tun; das zu tun, wozu ich jetzt in der Lage bin. Vor dieser Not kann ich meine Augen nicht mehr verschließen.
Und ich werde meine Augen auch nicht vor der Not in meiner näheren Umgebung verschließen können.
Im Blick auf die weltweite Not empfinde ich Dankbarkeit, ohne jedes Verdienst hier leben zu können, wo die Lebensbedingungen gut sind.
Wie mein, unser Beten politische Entscheidungen beeinflussen kann, bleibt verborgen. Doch glaube ich, dass das Gebet in diesen Anliegen zwar nicht immer ”unsere Gebetswünsche” erfüllen wird, aber es wird nicht ohne Wirkung bleiben.

Jeden Tag bete ich mit meinen Mitschwestern in der Kapelle unseres Mutterhauses am Morgen und am Abend das Stundengebet. Auch das ist eine Weise, Madeleine Delbrêls Überzeugung zum Ausdruck zu bringen: «Heute ist beten die größte Wohltat, die man der Welt erweisen kann.»

Mir ist bewusst geworden, für wie entscheidend ich das Beten, gerade auch in der Ashram-Weise, für das Leben halte: sonst ist dem Menschen keine Selbstbestimmung möglich, und ein Christ erfährt nichts von dem, was er glaubt.

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Bertram Dickerhof SJ, April 2017

Der Ashram im Alltag

Im letzten Newsletter habe ich dargestellt, dass der Ashram meine Antwort auf die Frage ist, wie man als Christ leben kann, und wichtige Elemente aufgezählt. Vielleicht haben einige bei manchen der aufgezählten Elemente gedacht: „das ist für mich unmöglich!”

Dazu möchte ich sagen: die Antwort des Ashram steht ja nicht am Beginn meines Weges, sondern eher an seinem Ende. Er ist auch nur eine Antwort, meine, die in meinem Leben mehr und mehr gereift ist. Wo es mir möglich war, habe ich die Entscheidungen über mein Leben so getroffen, dass ich mehr das leben konnte, was mir als Mensch und Christ wichtig schien. Ich will sagen: das Entscheidende ist, einen Weg zu gehen und dabei nach Möglichkeiten zu suchen, wie der inneren Sehnsucht mehr Raum im Alltag gegeben werden kann, wie sie gelebt werden kann.

Das ist in unserer Gesellschaft nicht leicht. Wie beantwortest Du, liebe Leserin und lieber Leser die Frage, wie Du als Christ lebst? Was es in unserem Leben so schwierig macht, um nur zwei Aspekte zu nennen, sind die hohe Belastung, ja Überforderung des Einzelnen und das hohe Maß an Ablenkung. Überforderung, nur ein paar Stichworte: die hohe Arbeitsintensität, die geforderte Erreichbarkeit auch im Privaten, Frauen mit der Dreifachbelastung von Berufsarbeit, Haushalt, Kinder; die Kinder haben heute 9 und 10 Stunden Unterricht; zu meiner Schulzeit sehnten wir Schüler meist schon in der 5. Stunde das Ende herbei; die hohen Ansprüche an Besitz, Karriere, Lebensgenuss; immer mehr Menschen erleben, dass nicht reicht, was sie verdienen können und fürchten, abgehängt zu werden – das alles hält in Trab, drückt aufs Tempo, versklavt im Funktionieren. Erhöhung der Arbeitslast war schon im Ägypten des Alten Testaments das Mittel, um Sklaven ruhig zu halten: während sie arbeiten, sind sie beansprucht, wenn sie nicht arbeiten sind sie erschöpft. Es führt dazu, die Beziehung zu sich selbst zu verlieren, die Beziehung zu anderen zu verlieren und die Beziehung zu Gott zu verlieren. Die Frage ist, wieweit wir überhaupt schon die Fähigkeit zur Beziehung eingebüßt haben: Hand aufs Herz: wann hast Du den letzten substantiellen Dialog geführt; wann warst Du da, nicht nur körperlich, sondern präsent, mit Aufmerksamkeit, Interesse und Offenheit für andere?

Ablenkung: ist die Kehrseite der vielen Möglichkeiten, die unsere Zivilisation uns zur Verfügung stellt. Gerade wenn wir eh schon erschöpft sind, verfallen wir ihnen……

Das Ganze hat uns einen Wohlstand gebracht, um den uns viele Nationen beneiden. Doch geht z.B. auch die Erderwärmung mit ihren globalen Folgen, vor allem auf unsere Rechnung: wir produzieren die Flüchtlinge, die dann vor unserer Tür stehen.

Darum meine ich, dass Zeiten des Innehaltens, des Spürens seiner selbst, und – darauf basierend – die Fähigkeit sich selbst zu bestimmen, heute Grund legend sind, um den Weg aus dem Hamsterrad heraus und in Beziehungen zu finden.

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Bertram Dickerhof SJ, März 2017

Was den Ashram Jesu charakterisiert

Der Ashram Jesu ist entstanden als Antwort auf eine Frage, die mich seit gut 40 Jahren bewegt: wie kann man in unserer Gesellschaft als Christ leben? Die wichtigsten Elemente der Antwort möchte ich nennen; sie prägen den Ashram

  1. materiell einfacher, bescheidener. Wir leben in Deutschland auf einem Niveau, das weder allen Erdbewohnern zugestanden werden kann, noch möglich ist: die Ressourcen würden nicht ausreichen und das Ökosystem völlig zusammenbrechen. Unser Lebensstandard ist ungerecht und unsolidarisch. Um ihn freiwillig reduzieren zu können, braucht es andere Quellen von Zufriedenheit.
  2. Mehr oder weniger kosten die Gäste im Ashram eine solche andere Quelle der Zufriedenheit. Der Quellgrund ist ein entschleunigtes, achtsames Leben in Stille mit wenig Ablenkung: Das ermöglicht, in jedem Augenblick ganz da zu sein und in Kontakt mit sich selbst im Ganzen, im Sein zu leben. Es gibt einen Geschmack von Einheit mit sich selbst, mit anderen, mit der Natur und ihren Abläufen, mit Gott. Dieser achtsame, bewusste Kontakt mit dem eigenen Inneren vor einem offenen Horizont ist gleichzeitig eine Waffe gegen aufkommende Wünsche, Unruhe, Spannungen, schlechte Stimmung, schwere Gefühle und Antreiber aller Art. Er ist notwendig dafür, dass die Person ihr Leben selbst steuern kann, und nicht von anderen gelebt wird.
  3. Hilfreich ist die Struktur und damit der feste Platz, der der Meditation, der Betrachtung der Schriften, dem Dienst an den anderen und dem persönlichen Austausch gegeben wird.
  4. Einen zentralen Platz in dieser Struktur hat das Gebet. Ich verstehe es als Hören auf Gott, insofern die Meditierenden, offen für die eigene Wahrheit hier und jetzt, bei ihren inneren Bewegungen verweilen und sie unterscheiden. Dieser Weise der Meditation wohnt dieselbe Bewegung inne wie der Eucharistie, die sonntags gefeiert wird: empfangen, was das Leben bringt – die inneren Bewegungen sind „Abdruck“ des Lebens auf das Innere, –sich selbst verwandeln lassen, und das in Christus Verwandelte austeilen an die Menschen und die Welt.
  5. Christsein heute ist für mich nur noch vorstellbar in Offenheit gegenüber anderen Religionen: Menschen aller Zeiten und aller Kulturkreise haben nach Gott, nach der letzten Wirklichkeit, nach einer Möglichkeit der Bewältigung der Lebensprobleme, z.B. von Krankheit, Alter und Tod, gesucht. Ihr Suchen und ihre Erfahrungen können uns Christen anregen, die Botschaft Jesu besser zu verstehen und zu leben, und die Vorbehalte gegenüber dem Fremden zu verlieren.

Diese Elemente kommen in allen unseren Angeboten zum Tragen, am deutlichsten in den „Grundübungen“. Wo das Alltagsleben mit seinen Ereignissen die eigene Identität ankratzt, schafft es einen Zugang zu ihrem Grund. Der Aufenthalt im Ashram enthüllt das Illusionäre und Egomane dieses Grundes und ermöglicht, die Identität mehr in Gott, dem grundlosen Grund zu gründen. Das ist eine Befreiung für den Menschen, der sonst gezwungen ist herzustellen, was er als unabdingbar für sein Selbstgefühl hält.

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Bertram Dickerhof SJ, März 2017

Was den Ashram Jesu charakterisiert

Der Ashram Jesu ist entstanden als Antwort auf eine Frage, die mich seit gut 40 Jahren bewegt: wie kann man in unserer Gesellschaft als Christ leben? Die wichtigsten Elemente der Antwort möchte ich nennen; sie prägen den Ashram

  1. materiell einfacher, bescheidener. Wir leben in Deutschland auf einem Niveau, das weder allen Erdbewohnern zugestanden werden kann, noch möglich ist: die Ressourcen würden nicht ausreichen und das Ökosystem völlig zusammenbrechen. Unser Lebensstandard ist ungerecht und unsolidarisch. Um ihn freiwillig reduzieren zu können, braucht es andere Quellen von Zufriedenheit.
  2. Mehr oder weniger kosten die Gäste im Ashram eine solche andere Quelle der Zufriedenheit. Der Quellgrund ist ein entschleunigtes, achtsames Leben in Stille mit wenig Ablenkung: Das ermöglicht, in jedem Augenblick ganz da zu sein und in Kontakt mit sich selbst im Ganzen, im Sein zu leben. Es gibt einen Geschmack von Einheit mit sich selbst, mit anderen, mit der Natur und ihren Abläufen, mit Gott. Dieser achtsame, bewusste Kontakt mit dem eigenen Inneren vor einem offenen Horizont ist gleichzeitig eine Waffe gegen aufkommende Wünsche, Unruhe, Spannungen, schlechte Stimmung, schwere Gefühle und Antreiber aller Art. Er ist notwendig dafür, dass die Person ihr Leben selbst steuern kann, und nicht von anderen gelebt wird.
  3. Hilfreich ist die Struktur und damit der feste Platz, der der Meditation, der Betrachtung der Schriften, dem Dienst an den anderen und dem persönlichen Austausch gegeben wird.
  4. Einen zentralen Platz in dieser Struktur hat das Gebet. Ich verstehe es als Hören auf Gott, insofern die Meditierenden, offen für die eigene Wahrheit hier und jetzt, bei ihren inneren Bewegungen verweilen und sie unterscheiden. Dieser Weise der Meditation wohnt dieselbe Bewegung inne wie der Eucharistie, die sonntags gefeiert wird: empfangen, was das Leben bringt – die inneren Bewegungen sind „Abdruck“ des Lebens auf das Innere, –sich selbst verwandeln lassen, und das in Christus Verwandelte austeilen an die Menschen und die Welt.
  5. Christsein heute ist für mich nur noch vorstellbar in Offenheit gegenüber anderen Religionen: Menschen aller Zeiten und aller Kulturkreise haben nach Gott, nach der letzten Wirklichkeit, nach einer Möglichkeit der Bewältigung der Lebensprobleme, z.B. von Krankheit, Alter und Tod, gesucht. Ihr Suchen und ihre Erfahrungen können uns Christen anregen, die Botschaft Jesu besser zu verstehen und zu leben, und die Vorbehalte gegenüber dem Fremden zu verlieren.

Diese Elemente kommen in allen unseren Angeboten zum Tragen, am deutlichsten in den „Grundübungen“. Wo das Alltagsleben mit seinen Ereignissen die eigene Identität ankratzt, schafft es einen Zugang zu ihrem Grund. Der Aufenthalt im Ashram enthüllt das Illusionäre und Egomane dieses Grundes und ermöglicht, die Identität mehr in Gott, dem grundlosen Grund zu gründen. Das ist eine Befreiung für den Menschen, der sonst gezwungen ist herzustellen, was er als unabdingbar für sein Selbstgefühl hält.

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Bertram Dickerhof SJ, Januar 2017

In Gott verankert

Viele zum Teil sehr persönliche Rückmeldungen aus der virtuellen Meditationsgemeinschaft im Advent, bestätigten das "besondere Gefühl", in einer solchen Gemeinschaft zu sitzen, bzw. mit anderen bewusst Entschiedenen "zusammen in der Adventszeit einen Gebetsweg zu gehen" bzw. "unterwegs zu sein." Den Morgen anzufangen im bewussten Kontakt mit dem Menschen, der ich selber bin, habe Wirkung auf den gesamten Tag: "Ich spüre, wie gut es mir tut, den Tag zu beginnen, indem ich innehalten darf... Ruhiger geht es dann, entspannter, gelassener und offener für das, was mir begegnet, ... und ich merke immer wieder, wie wichtig Struktur (hier die feste Zeit) für mich ist."

Diese Erfahrung ist keine singuläre. Die 15, 20 Minuten solchen Innehaltens am Morgen sind wie eine Verankerung: Ich weiß um mich, spüre mein Befinden, meine Wünsche und Gefühle, das mir Wichtige. Vielleicht komme ich sogar in einen wirklichen Kontakt mit mir selbst und erlebe mich dabei gewollt und geliebt in einem absolut offenen Raum: "Das tägliche Gebet/ Meditieren ist mein Lebenselixier. Ich kann mir meinen Alltag überhaupt nicht vorstellen ohne diese Rückbindung an Gott." Verankert lebt man dann seinen Tag, das Gute und das Schlechte, aus einem tiefen Grund, aus Gottes Grund.

Wer das nicht tut, der ist den an der Oberfläche herrschenden Kräften preisgegeben: der Überforderung; den verlockenden spiegelnden und bunten Oberflächen, die einen wegführen von sich selbst; der Verunsicherung durch immer mehr und immer schwieriger zu lösende Fragen unserer globalen Welt; der Angst, wie es mit diesem Planeten und seinen Bewohnern weitergeht.

Auch dieses neue Jahr wird bewältigt werden müssen. Was an der Oberfläche an Wünschen und Phantasien entsteht, taugt dafür jedoch nichts – so sagt es Hilde Domin's (1909 - 2006) Gedicht, das wir im Silvesterkurs gelesen haben:

BITTE

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und daß wir aus der Flut,
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

— Hilde Domin

Die schwierigen Stunden des Lebens werden uns versehren, wenn wir sie überhaupt an uns heranlassen und uns nicht ablenken; dass sie uns versehren und zugleich "immer heiler zu uns selbst entlassen werden", wir also mehr wir selbst werden, mehr in uns selber gründen, das ist ohne Zeiten des Innehaltens nicht zu erfahren. Mir ist es ein großes Anliegen Euch zu sagen: nehmt Euch Zeit zum Innehalten! Aus Liebe zu sich selbst. Jeden Tag 15 oder 20 Minuten früher aufstehen, Morgentoilette, und dann gleich in Kontakt gehen mit der eigenen Wirklichkeit vor Gottes, " um immer versehrter und immer heiler stets von neuem zu sich selbst entlassen zu werden."

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Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2016

Weihnachten

Was für eine Welt, in der wir Weihnachten feiern! Sollen wir uns nun in Tannenduft und Kerzenschein und Träume von Frieden und Freude flüchten – oder flüchten wir vor allen diesen weihnachtlichen Bräuchen und Worten, um die Spannung von Sehnsucht und enttäuschender Realität nicht erleiden zu müssen? Vielerorts Willkür, Gewalt, Betrügereien großen Stils, Korruption, Populismus, Menschenverachtung, Völkermord, dazu die grassierende Überforderung. An dieser Welt Rand war Weihnachten schon immer: der Immanuel – Gott mit uns, – Jesus, wurde nicht in Rom, nicht einmal in Jerusalem, nicht einmal in einer menschlichen Behausung geboren, wie Lukas schreibt.

Nein, Weihnachten scheint nicht in diese Welt zu passen! Eigentlich kann es auch anders nicht sein: Der „Gott mit uns“ und unsere erlösungsbedürftige Welt sind Gegensätze. Gottes Friede und Gottes Freude sind durch menschliche Mittel nicht herstellbar. Diese taugen oft nicht einmal für eine Waffenruhe.

Von innen her befreit und erfüllt den Menschen Gottes Heil. Weihnachten kommt erst an Ostern zum Ziel. Und Ostern gibt es nur durch den Karfreitag hindurch. Während wir wie alle Säugtiere beim Anschein einer Gefahr angreifen oder fliehen oder uns totstellen und damit das Störende und die Spannungen von uns fern zu halten suchen, hat der Immanuel freiwillig und bewusst sein Kreuz getragen, d.h. alles, Spannung und Tod und Angst, an sich herangelassen, sich alledem gestellt, alles von innen her durchlebt. Während wir die Oberfläche und das Äußere zu unserem Bezirk machen, da wir glauben, sie beherrschen zu können und dort sicher zu sein, hat Er Kontrolle und Sicherheit gelassen in restlosem Vertrauen, so wie das Kind in der Krippe sich vorbehaltlos und offen dem Leben überlässt, und die Tiefe zu seinem Reich gemacht.

Von dort, aus dem getragenen Kreuz, kommen wirklicher Friede, wahre Freude, echte Liebe. Von dort erwachsen dem Leben Perspektiven und Handlungsimpulse, die ewiges Leben in unsere Zeit inkarnieren. Wir feiern, dass Gott uns diesen Weg eröffnet hat. Aber wir müssen ihn auch gehen.

Vielleicht dürfen Euch folgende Zeilen durch Weihnachtszeit und Neues Jahr begleiten:

Man muss den Dingen
die eigne, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann:
Alles ist austragen - und
dann gebären…

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit …

Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben. …

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.

— Rainer Maria Rilke

„Es handelt sich darum, alles zu leben.“

Lasst uns also mit Zuversicht durch diese Tage gehen.

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Bertram Dickerhof SJ, November 2016

Virtuelle Meditationsgemeinschaft im Advent

Auch in diesem Jahr lade ich wieder zur „virtuellen Meditationsgemeinschaft” ein: d.h. dazu, den Advent nicht ganz vom „Weihnachtsgeschäft” bestimmen zu lassen, sondern vom 1. Advent bis Heilig Abend einen geistlichen Akzent zu setzen durch eine tägliche Zeit des Innehaltens: 15 bis 30 Minuten des Sich-Niederlassens und Entspannens, des Atmens, des Sich-selber-Spürens und Verweilens bei dem, was ich von mir selbst spüre: der Mensch, der ich selber bin, gestattet sich für diese Zeit am Tag der Mensch zu sein, als den er sich vorfindet. Einfach nur sein, – statt nach irgendwelchen Veränderungen zu streben. Sein, wie ich jetzt und hier bin, nichts weiter. Sein, wie ich von Gott hier und jetzt geliebt und gewollt bin. Ich halte das für Gebet.

Wer über diese Worte hinaus eine Anleitung braucht, findet sie z.B. in unseren „Spirituellen Impulsen und Anregungen”, gleich unter den Meditationsanleitungen oder auchin meinem Buch. Wer zusätzlich das Bedürfnis nach einem geistlichen Wort verspürt, wird unter vielen Möglichkeiten fündig z.B. in der Bibel beim Propheten Jesaja, Kapitel  9;11;35;40-55 oder unter den Schriftbetrachtungen und Predigten auf unserer Website.

Wer mitmachen will und sich bei mir meldet, dessen Namen und E-Mail-Adresse werde ich an alle anderen weitergeben, die sich ebenfalls bei mir melden, so dass die „virtuelle Meditationsgemeinschaft” Namen bekommt, auch wenn nicht alle jedem bekannt sein werden. Sie bilden zwar keine am selben Ort und zur selben Zeit zusammentretende Gruppe, aber eine solidarische Gemeinschaft von Menschen, die sich Innehalten gönnen und zumuten. Eure Teilnahme müsst Ihr mir bis spätestens Mittwoch, den 23. November bekunden, so dass wir am 1. Advent starten können.

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Bertram Dickerhof SJ, Oktober 2016

Vergebung

In den letzten Kursen bin ich immer wieder einmal über das Thema „Vergebung” gestolpert. Sei es, dass jemand seinem Vorgesetzten dessen unengagierte Haltung nicht vergeben konnte oder seinem Ehepartner nicht dessen ganz anders geartete Interessen, was oft auch geringes Verständnis für die eigenen Belange einschließt; sei es, dass Eltern so gar nicht mit den Entscheidungen ihrer Kinder einverstanden sein können oder jemand unzufrieden ist mit seinem eigenen Leben und dem, was er erreicht hat.  Solche Situationen werden manchmal schöngeredet, manchmal bagatellisiert. Die Kränkung soll nicht gespürt werden. Die mit ihr verbundenen Gefühle wären ein übler Schlag ins Kontor der eigenen Identität.

In diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass die nicht gespürten Gefühle ausagiert werden und andere zu Opfern der eigenen Verletztheit machen. Wo aber die Wahrheit stärker ist als die eigenen Abwehrmechanismen, beleuchtet sie Trauer und Bitterkeit, Wut, vielleicht auch Scham, Minderwertigkeit, Rachegefühle. Ich erinnere mich, wie all diese Gefühle mit Wucht immer wieder hochkamen, wenn ich durch irgendeinen Auslöser wieder an die entsprechende Situation erinnert wurde: durch zufällige Erwähnung eines der Beteiligten, durch nichtsahnende Nachfragen lange nicht mehr getroffener Bekannten; durch alte Notizen, auf die ich stieß: sofort war die ganze Misere wieder lebendig und, erstaunlicherweise auch lange Zeit später, so frisch wie am ersten Tag.

Irgendwann fiel mir auf, dass ich litt an der Erregung, in die ich jeweils geriet. Die Sache war wie sie war, das Unrecht war geschehen, und es begann bereits das Gras darüber zu wachsen. Niemanden interessierte es mehr, nur ich hielt daran fest und litt. Als der Wunsch stärker wurde, diese Gefühle loszulassen, um wieder inneren Frieden zu finden, begann ich darum zu beten, vergeben zu können. Wieso die Sache mich so tief hatte verletzen können, welche meiner fundamentalen Erwartungen dabei frustriert wurden, das war mir schon im Laufe der Zeit klarer geworden. Nun versuchte ich, mein Agieren damals aus den Augen meines Gegners zu sehen. Ich schlüpfte in seine Haut, um zu verstehen, welche Interessen ihn damals leiteten, unter welchen Zwängen er stand, was für ihn als Person mein Verhalten bedeutete. Langsam, langsam wurden meine Gefühle ruhiger. Jahre später konnte ich vergeben.

Vergebung ist nicht eine fromme Veranstaltung, Ansinnen des Über-Ichs oder eines etwas antiquierten Gottes. Vergebung ist die Waffe der Opfer, um die Herrschaft des erlittenen Unrechts im eigenen Leben zu brechen; um frei zu werden und den inneren Frieden wieder zu finden; um nicht den „Täter-Opfer-Täter-Reigen” weitertanzen zu müssen,– wie Konrad Stauss in seinem empfehlenswerten Buch dies nennt ( Stauss, K.: Die heilende Kraftder Vergebung, Kösel 2010). Ein weiterer Schritt in diesem Prozess kann dann der Versuch der Versöhnung mit dem Gegner sein, die Aussprache in der Perspektive gegenseitiger Vergebung.

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Bertram Dickerhof SJ, September 2016

Gipfelerfahrung und alltägliche Praxis

Die Tage werden spürbar kürzer. Unsere Morgenmeditation beginnen wir schon seit einiger Zeit in tiefer Dunkelheit, und es dunkelt wieder, wenn wir zur Abendmeditation hinaufsteigen. Manchmal brennt schon die Kerze, sonst ist alles dunkel. Wie kostbar ist doch das Licht! Im Koran, beschreibt Mohammed eine Vision von Gott als Licht:

„Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.
Sein Licht ist einer Nische vergleichbar, in der eine Lampe ist.
Die Lampe ist in einem Glas.
Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern.
Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum,
weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet,
auch ohne dass das Feuer es berührt hätte.
Licht über Licht. …“

— Koran, Sure 24

Wir haben diesen wunderschönen Text in einer Schriftbetrachtung gelesen. „Licht über Licht.“ Seine geheimnisvolle Quelle, einfach und verehrungswürdig, ist jedoch nicht unmittelbar zu erfassen. Nur ihren Widerschein sehen wir, nur die vom Licht erfüllte Nische. Wie diese Nische ist die ganze Schöpfung von Gottes Licht und Glanz durchflutet. Doch die Schöpfung verhüllt ihn zugleich. Anders gesagt: Alltag, Mühen, Glück und Unglück, Freude und Leid: alles ist Kleid des Lichtes, – auch der Tod.

Hin und wieder uns gewöhnlichen Menschen eine solche Gipfelerfahrung vergönnt. Halten lässt sie sich nicht. Doch sie stärkt die Sehnsucht, in dieser Letzten Wirklichkeit zu leben. Wie? Der Koran fährt so fort, dass „weder Handel noch Kaufgeschäft [diese Menschen] ablenken vom Gedenken Gottes, von der Verrichtung des Gebets und der Entrichtung der Abgabe, [dass sie] einen Tag fürchten, an dem Herzen und Augenlicht umgekehrt werden…“ „Handel und Kaufgeschäft“ war der Alltag des Mekkaners von damals. Es geht also um Menschen, die einen Alltag mit all seinen Anforderungen zu bewältigen haben, jedoch nicht so in dessen Dynamiken verstrickt sind, dass sie auf das Gedenken Gottes vergäßen und die religiösen Pflichten unterließen. Das dauernde „Gottesgedenken“ – der „dikhr“ – ist der Pfad des islamischen Mystikers. Er beginnt bei der Disziplin der täglichen Gebetszeit(en) und entwickelt sich zu einem dikhr im Herzen, der sich schließlich selbst dabei vergisst. Diese Strophen von der „Höchsten Vollendung” weisen in eine ähnliche Richtung:

„Vergessenen des Geschaffenen
Gedenken des Schöpfers
Gerichtetsein auf das Innere
und leben in der Liebe des Geliebten.“

— Johannes vom Kreuz

Abstand zu den Alltagsgedanken also, offen und unvoreingenommen dasein im Kontakt mit dem Inneren; dabei von Liebe erfüllt werden, aus der das Leben gelebt wird. Eine starke Hilfe dabei ist das Bewusstsein des Todes, „an dem Herzen und Augenlicht umgekehrt werden“. Im Tod geschieht endgültig, worum der Mensch sich täglich bemühen soll: Augen und Aufmerksamkeit werden nach innen gerichtet statt nach außen, und das im Herzen Verborgene wird offenbar. Die Freiheit, über den Tellerrand des Eigenen hinauszublicken und Verantwortung für das Ganze des Lebens zu übernehmen, wird alles entscheiden. Lasst uns das nicht vergessen!

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Petra Maria Hothum SND, August 2016

Sommerauszeit im Ashram Jesu

Erstmals hat im Ashram Jesu eine 16-tägige „Sommerauszeit” stattgefunden, die gerade zu Ende geht. Sie diente dazu, Erholung und Entspannung mit der Reise nach innen und der Einkehr bei sich selbst zu verbinden; zu leben in der Kraft des Bei-Sich-Selber-Seins, die den Ashram umgibt, mit dem Freiraum zur eigenen Gestaltung. Für über 20 Personen war dieses Angebot so attraktiv, dass sie daran teilgenommen haben. Manche kamen zu einem zweitägigen Hineinschnuppern in den Ashram, andere zu einem verlängerten Wochenende, wieder andere blieben fünf bis acht Tage, manche die gesamte Zeit und darüber hinaus als Teil 30tägiger Exerzitien. Wie es jeweils für sie passte, nutzten unsere Gäste die ihnen seitens des Ashram angebotene Struktur: täglich drei Meditationszeiten und gemeinsame Mahlzeiten am Morgen und Mittag und Selbstverpflegung aus der Ashram-Küche am Abend, wöchentlich zwei Gruppengespräche zur Meditationspraxis und den sonntäglichen Gottesdienst sowie die Möglichkeit von Einzelbegleitung.

Und wie wars? Wir meinen: gut! So gut, dass wir 2018 wieder eine Sommerauszeit anbieten wollen. Unsere Einschätzung wird bestätigt von den Teilnehmenden, die wir für den Newsletter um Rückmeldungen gebeten haben. (Eine Stimme steht jeweils stellvertretend für mehrere ähnliche): „Durchatmen nach einer aufregenden, intensiven Zeit der Suche nach meinem Element. In Stille sein dürfen, so wie ich gerade dastehe, mit allem, was in mir ist. Und endlich mal nicht reden müssen. Keinem erzählen müssen, wer ich bin, was ich mache, was ich habe. Und keiner stellt Fragen, auf die ich keine Antwort geben möchte. Wie gut das tut!” Wohltuend war die Freiheit, „der eigenen Spur, den notwendigen Bedürfnissen selbst folgen und den Tag gestalten zu können”. Und eine andere Stimme: „Alles hat Angebotsform. Ich fühle mich frei, eine Meditation auszulassen, um eine längere Wanderung durch die sonnendurchflutete, blühende Natur zu unternehmen, nehme mir Zeit, den Reihern bei der Jagd an den Fischteichen zuzusehen. Auf einem anderen Spaziergang genieße ich ein intensives Gespräch und freue mich dann, wieder in die Stille des Ashrams einzutauchen.”

Genau diese Freiheit stellte allerdings auch die Frage, „wie ich dieses Angebot gestalten könnte: Als Exerzitien? Oder mehr als Erholung? Oder beides? Wenn ja: so rum oder so rum? Bzw.: warum eigentlich scharf trennen? Wie wär’s denn mit ‚im Fluss’? – Genau so erlebe ich’s nun.” Eine weitere Herausforderung für alle, auch die Leitung, lag im steten Wechsel der Gruppe: fast jeden Tag Neuankünfte und Abschiede. Doch musste diese fließende Gruppe den eigenen Prozess nicht stören: „Ich bin dankbar, dass ich diese ganze Zeit hier sein darf und so zur Ruhe kommen, mich sammeln kann und einen intensiven Prozess erlebe. Es tut gut, dass einige ebenso kontinuierlich dabei sind, andere wechseln: die Abgereisten bleiben noch mit im Sinn, die Neuen werden erwartet; all das spielt sich gut ineinander ein, auch praktisch.” Trotz Wechsel und Schweigen hat man offenbar nicht nebeneinander her gelebt: „im wohltuenden Schweigen viele freundliche, liebevolle Gesten und Begegnungen erleben … mit einem Gast einen Spaziergang durch Felder und Wiesen machen, lachend und schwatzend.” (Auf dem Ashram-Gelände herrschte Schweigen.) Und ein anderer Gast spricht davon, „aufgehoben in der Gemeinschaft” zu sein. Und: „Es ist gut, dies alles zusammen mit den anderen zu erleben. Gemeinsam meditieren, essen, kleine Begegnungen. Froh, nicht allein diese Wunder zu sehen – hören – riechen – schmecken.”

Am Ende überwiegen Dankbarkeit und Freude, sich – vielleicht trotz mancher Bedenken – auf diese Auszeit eingelassen und körperliche und seelische Erholung erfahren zu haben: „Mit Furcht im Herzen kam ich hier an – in der Stille. Ein Meer von Zeit lag vor mir – was sollte diese Zeit bloß füllen? Dankbar verlasse ich heute diesen Ort und empfinde jeden Augenblick, der mir noch bleibt, als kostbar. Auf Wiedersehen!”

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Petra Maria Hothum SND, Juli 2016

In Kontakt mit sich selbst sein

Für viele von uns bringt der Sommer durch Ferien und Urlaub eine Unterbrechung der alltäglichen Routine mit sich. Vielleicht begeben wir uns an andere Orte, in einen anderen Modus und können wir die Aufmerksamkeit auf anderes richten, als dies unter Alltagsbedingungen möglich ist. Eventuell beschert uns diese Zeit auch die Gelegenheit, manche Kontakte zu beleben, zu intensivieren oder auch neu zu knüpfen. Und hoffentlich gilt dies in besonderer Weise für einen besonders grund-legenden Kontakt: den zu uns selbst, zu unserem eigenen Inneren.

In Kontakt sein mit sich selbst: dies hört sich selbstverständlich an, ist es jedoch ganz und gar nicht. Wie oft bemerken wir kaum etwas von uns, nehmen gar nicht wahr, wie es dem Menschen, der wir selber sind, gerade geht, was ihn antreibt, bewegt, wie es gerade um ihn bestellt ist. Wie oft sind wir derart beschäftigt mit allem Möglichen im Außen, dass wir überhaupt nicht mitbekommen, was in unserem Inneren eigentlich vor sich geht. Mitunter erleichtert uns dies vielleicht sogar das äußerliche Funktionieren, auf Dauer aber schaden wir uns selbst damit. Denn dieser Kontakt mit dem eigenen Inneren ist lebens-notwendig. Ohne ihn können wir menschlich und geistlich nicht wachsen und reifen und verfehlen letztlich unseren eigenen Weg, unsere wahre Bestimmung.

Im Zusammenhang mit dieser Thematik fallen mir immer wieder einmal die eindrücklichen Worte von Angelus Silesius ein:

Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir.
Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.

— Der Cherubinische Wandersmann, 1675

Anhalten, innehalten, bei sich einkehren und bei seiner Wirklichkeit verweilen – darum geht es im Ashram Jesu. 
Und der Prozess des Anhaltens ist dabei nicht zu unterschätzen. Er kann sehr mühevoll und schwierig sein oder gar unmöglich erscheinen, gerade dann, wenn wir im Außen ordentlich Fahrt aufgenommen haben, unter Druck stehen, angetrieben werden von Ab- und Anhängigkeiten unterschiedlichster Art … Leichter scheint es dann zu sein, fortzufahren wie gehabt, sich sozusagen weiter im immer schneller werdenden Hamsterrad zu drehen. Es läuft ja irgendwie - äußerlich gesehen vielleicht sogar recht erfolgreich! Hingegen erfordert es einiges, dieses Rad anzuhalten und sich der Frage zu stellen, wohin man denn eigentlich läuft, ob man dort wirklich hin möchte bzw. wohin es einen wirklich zieht. Denn diese Frage ist unbequem, sie bringt u.U. Mangel, Unstimmigkeiten und Empfindungen ans Licht, bei denen auszuhalten alles andere als einfach ist. Gut möglich, dass wir von daher letztlich ganz froh sind über manche Erwartungen, Gegebenheiten, Zwänge von außen, die unser Angetrieben-Sein rechtfertigen, ja unbedingt erforderlich zu machen scheinen. Es fragt sich, ob nicht auch hier Angelus Silesius den eigentlichen Kern des Problems mit folgenden anderen Versen aus dem "Cherubinischen Wandersmann" treffend erfasst:

Nichts ist, was dich bewegt; du selber bist das Rad,
das aus sich selbsten läuft und keine Ruhe hat.

— Der Cherubinische Wandersmann, 1675

Mein Wunsch ist, dass diese Sommerzeit für uns Momente des Anhalten- und Ruhen-Könnens bereit hält, Momente, um bei uns einzukehren, um in Kontakt zu sein mit sich selbst und zu verweilen bei der eigenen Wirklichkeit – und dass wir dies nicht nur als mühevoll erleben, sondern auch als öffnend im Blick auf den Himmel in uns selbst!

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Bertram Dickerhof SJ, Juni 2016

Den entscheidenden Schritt wagen

Auf dem Katholikentag wurden natürlich auch viele spirituelle Methoden vorgestellt. Aber die sind nicht das Entscheidende. Worum es auf dem Weg wirklich geht, ruft folgender Text von Louis Lallement SJ (1578 - 1635) in Erinnerung: „Über dem Feilschen, ob wir uns Gott restlos schenken wollen, lassen wir Jahre verstreichen, ja oft ein ganzes Leben. Wir können uns nicht entschließen, das volle Opfer zu bringen, behalten uns eine Menge Bindungen, Pläne, Wünsche, Hoffnungen und Ansprüche vor und wollen uns ihrer nicht entäußern, um so in die völlige Nacktheit des Geistes einzutreten, die uns fähig macht, von Gott restlos in Besitz genommen zu werden. ... Unter dem Druck der Eigenliebe, verblendet von Unwissenheit und durch falsche Befürchtungen gehemmt, wagen wir den entscheidenden Schritt nicht."

Den entscheidenden Schritt wagen! Denjenigen existentiellen Schritt, zu dem Gott mich ruft. Doch dazu muss ich es wagen, seinen Ruf an mich heranzulassen, mich frei machen vom Lärm und Getriebe des Alltags. … Den entscheidenden Schritt wagen, in dem ich loslasse und mich entblöße, um mit Gott im selben Haus zu wohnen.

Menschen, die diesen entscheidenden Schritt gewagt haben kennen auch den Kampf, der dabei zu kämpfen, die Angst, die zu überwinden ist: Moses, der gegen Ende seines Dialogs mit dem „Ich-bin” am brennenden Dornbusch aus Angst zurückschreckt vor seiner Aufgabe, – was Gott nicht gelten lässt: der Weg aus der Angst verläuft durch die Angst hindurch.
Von Jeremia, dessen Leiden die Bibel schildert, ist uns die Klage überliefert (Jer 20): „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören…  . Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich. … Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern. Ich quälte mich es auszuhalten und konnte nicht.” Und von Jona wissen wir, wie er versucht, dem Ruf Gottes davonzulaufen, den Preis ahnend, den diese Berufung auch ihn kosten wird.

„Den Schritt tun", der jetzt für mich dran ist, - das ist es, worauf schließlich alles ankommt. Das ist es auch, was einer zukünftigen Kirche zur Geburt verhelfen wird. Diese lässt sich nicht am grünen Tisch entwerfen, sie entsteht durch Menschen, die, hörend auf Gott, die entscheidenden Schritte in ihrem Leben tun und eindeutig werden.

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Elisabeth Vosen, Mai 2016

Schaffen wir das?

Auch wenn der Flüchtlingsstrom zur Zeit deutlich nachgelassen hat, ist das Flüchtlingsthema nach wie vor in aller Munde und wird weiterhin kontrovers diskutiert. Im gelebten Alltag hängt viel von der Einstellung der Bevölkerung vor Ort zu den dorthin zugewiesenen Flüchtlingen ab. Auf die Zuweisung von Flüchtlingen hat man wenig Einfluss und die Zweckentfremdung von Sporthallen stößt keineswegs immer auf das Verständnis der bisherigen Nutzer. Dennoch bietet oft die konkrete Situation vor Ort – wie in unserem Fall – durchaus auch reale Gestaltungsmöglichkeiten, die das Klima im Ort positiv beeinflussen können.

In meinem eher wohlhabenden und gutbürgerlichen Wohnort westlich von Köln (12.000 Einwohner) kümmern sich zurzeit über 60 Ehrenamtliche allen Alters um die derzeit etwa 300 hier mit uns im Ort lebenden Flüchtlinge. In Spitzenzeiten haben 180 Asylsuchende in Zelten in unserer Mehrzweckhalle gelebt, derzeit sind es noch 40. In der Obdachlosenunterkunft wohnen 22 Personen, die anderen, vor allem Familien mit Kindern, konnten nach und nach über den Ort verteilt oder im Nachbarort in Wohnungen einziehen, die von der Stadt für sie angemietet wurden. Die Flüchtlinge kommen aus 17 Nationen. Es sind mehrheitlich junge Männer, darunter auch eine Gruppe unbegleiteter minderjähriger Jungs, die von einer Organisation rundum die Uhr zuverlässig betreut werden, sowie junge Familien mit bis zu sieben Kindern.

Neben der städtischen Unterstützung wird nun schon über ein knappes Jahr viel ehrenamtliche Hilfe geleistet: Fast alle Flüchtlingsfamilien haben eine eigene Begleiterin, die ihnen durch den Alltag hilft. Fast 20 Personen kümmern sich um das erste Vermitteln der deutschen Sprache, teilweise mit parallel angebotener Kinderbetreuung. Es gibt eine Kleiderkammer, differenzierte Hausaufgabenbetreuung, eine wöchentliche Sprechstunde für alle möglichen Angelegenheiten, Fußball- und Basketballtraining und eine Fahrradwerkstatt. Einige pensionierte örtliche Handwerksmeister haben eine kleine "Lehrwerkstatt" für Holzarbeiten im Keller des alten Jugendheims aufgebaut, die derzeit leider aus Versicherungsgründen wieder geschlossen ist. Einmal pro Woche gibt es ein Angebot nur für Frauen, mit Kochen, Backen, Basteln, Handarbeiten und dabei so nebenher etwas Deutsch lernen. Alle zwei Wochen findet ein gut besuchtes Begegnungscafé im Wechsel mit dem Nachbarort statt, wo Einheimische und Flüchtlinge zusammen kommen und sich allmählich und unverbindlich kennen lernen können. Alle Fäden laufen in einer ökumenischen Nachbarschaftshilfe zusammen, finden weitestgehend in kirchlichen Einrichtungen statt und werden von Ehrenamtlern koordiniert. Staat und Kirchen geben Zuschüsse. Die Bevölkerung unterstützt großzügig und zuverlässig mit Geld- und Sachspenden, eine Internetplattform gibt bekannt, wo was gebraucht wird. Klagen und Gerüchten, die das Zusammenleben betreffen, wird nachgegangen, sobald sie bekannt werden und bei Bedarf wird entsprechend deeskalierend interveniert. Ortsansässige Übersetzer besprechen mit den Flüchtlingen immer wieder, wie das Leben in Deutschland funktioniert und welches Verhalten man hier von ihnen erwartet.

All dieses Vorgehen ist ein Hineintasten in ein allen Helfern unbekanntes Terrain nach dem Muster learning by doing. Manches verläuft nicht wie geplant oder erhofft, weil „gut gemeint” alleine noch nicht zum Ziele führt. Es gibt auch immer wieder Pannen, entstanden durch Missverständnisse und Unkenntnis auf beiden Seiten. Aufgrund der sprachlichen Schwierigkeiten und auch der Unerfahrenheit der Engagierten wird zwar viel für Flüchtlinge getan, jedoch noch wenig mit ihnen. Auch scheint es so zu sein, dass es in den vielen Heimatkulturen der Flüchtlinge nicht so üblich ist, Menschen zu helfen, mit denen man verwandtschaftlich nicht verbunden ist. Umso mehr freuen sich die Helfer darüber, dass sich nach und nach die ersten Flüchtlinge helfend mit einbringen. Sie engagieren sich in der Fahrradwerkstatt, helfen anderen beim Übersetzen und unterstützen einander tatkräftig beim Umzug. Zum persischen Neujahrsfest (Nouruz) hatten die Flüchtlinge Ehrenamtliche und interessierte Nachbarn eingeladen. Der Raum war entsprechend hergerichtet, es wurde auf geliehenen Instrumenten Musik aus der Heimat gespielt und getanzt und gesungen. Dank einer Spende des Fördervereins haben die Flüchtlinge für alle ein vielfältiges und leckeres persisches Essen zubereitet. Wie selbstverständlichen haben sie anschließend alle zusammen aufgeräumt.

Besonders als die Mehrzweckhalle voll belegt war, kam es dort von Zeit zu Zeit zu Spannungen, Streit und Gewaltsamkeiten unter den Flüchtlingen. Alte traditionelle Streitigkeiten zwischen verschiedenen religiösen Gruppen und Volkszugehörigkeiten wurden reaktiviert, vor allem gegen Afghanen. Dunkelhäutige Flüchtlinge scheinen in der sozialen Rangordnung ganz unten zu sein. Oft war Streitschlichten angesagt, was schwierig war, da die Helfer aus dem Sprachengewirr meist überhaupt nicht erkennen konnten, worum es ging. So hat dann auch mehrfach die Polizei eingreifen müssen.

Mitbürger, die schon lange im Ort leben und ursprünglich ebenfalls aus diesen Ländern kamen, unterstützten die Arbeit der Ehrenamtlichen zunächst nur zögerlich. Durch gemeinsame Sprache erkennen sie ja viel schneller und genauer, wen sie da jeweils vor sich haben und sind je nach dem entsprechend zurückhaltend. Häufig ist es im Rahmen der Diskretion hilfreich, von ihnen zu erfahren, was die Flüchtlinge ihnen berichten. In sehr vielen Fällen wurde z.B. den Flüchtlingen von den Schleppern sofortige Arbeit und eine schöne Wohnung in Deutschland versprochen. Um gleich ein Haus für die Familie zu bekommen, musste noch zusätzlich gezahlt werden. Von daher versteht sich auch, mit welchen Erwartungen manche Asylsuchende hierhergekommen sind. Sie wollen hier einfordern, wofür sie die Schlepper bereits bezahlt haben. Erst so nach und nach dämmert ihnen, dass sie aufs Übelste betrogen worden sind. Das Geld für die Flucht wurde oft von Verwandten und Freunden zusammengeliehen und die drängen nun auf Rückzahlung und setzen die Familie unter Druck. Manch junger Mann hat die Balkanroute zur Abenteuerreise nach Deutschland genutzt. Aus der perspektivlosen Heimat heraus macht es auch nichts, nun hier perspektivlos und längerfristig in Turnhallen und Sammelunterkünften zu sitzen. Mit dem Muster wie man zu Hause überlebt hat, könnte man es auch hier versuchen. Außerhalb der heimischen sozialen Kontrolle und aus Langeweile ist es vielleicht verlockend verschiedenes auszuprobieren: Diebstahl, Schwarzfahren, Alkohol und auch Rauschgift. (Dass Rauschgift hier so teuer ist, haben die Schlepper leider auch nicht gesagt.) So ist für manch einen jungen Mann der Weg ins Kriminelle nicht sehr weit.
Es gibt von einzelnen Abenteurern bereits enttäuschte Anfragen, was man tun muss, damit man wieder nach Hause kann. Leider nimmt kaum ein Herkunftsland seine geflohenen Staatsbürger problemlos wieder auf.

Seit den Geschehnissen in der Silvesternacht im benachbarten Köln hat sich die Stimmung hier auch unter den Flüchtlingen verändert. Die politischen Flüchtlinge, die gekommen sind, um endlich in Frieden und angstfrei leben zu können, und bereits begonnen haben sich zu integrieren, distanzieren sich weit und energisch von den Vorfällen in der Silvesternacht. Sie verstehen nicht, wieso man die Täter von Silvester nicht endlich zurück schickt. Stattdessen erleben sie, wie infolge deren Fehlverhaltens nicht nur unterschiedslos alle Menschen mit Migrationshintergrund misstrauisch beäugt werden, sondern sie sich sogar auch gegenseitig sehr misstrauisch begegnen, sofern sie sich nicht persönlich kennen.

Das Erlernen der deutschen Sprache ist für die, deren Asylgesuch anerkannt wurde, Pflicht. Leider wird es für sehr viele zu einer frustrationsreichen Angelegenheit. Die staatlich anerkannten Sprachkurse folgen einem strengen Einheitsraster, bei dem auf die Lernvoraussetzungen und persönlichen Gegebenheiten der Teilnehmer fast keine Rücksicht genommen werden kann. Es sind innerhalb einer vorgegebenen Stundenzahl vorgegebene Lernziele zu erreichen. Die Bildungsvoraussetzungen, die die Flüchtlinge mitbringen, sind de facto jedoch extrem unterschiedlich. Einige können auch in ihrer Muttersprache nicht lesen und schreiben. Unsere Schriftzeichen sind vielen weitgehend unbekannt.  Und wenn dann noch grammatische Strukturen zu verstehen sind, wird es besonders schwer.
Hier ist viel Enttäuschung auf beiden Seiten vorprogrammiert. Einige Flüchtlinge geben völlig überfordert auf und nehmen die damit verbundenen finanziellen Einbußen in Kauf. Dann heißt es von offizieller Seite schnell: Die Flüchtlinge wollen ja gar nicht.

Im Kleinen gesehen freue ich mich an der Entwicklung "meiner" syrischen Familie, die ich seit über einem Jahr begleite. Sie ist 2014 über Libyen mit einem Holzboot mit 300 anderen Menschen über das Mittelmeer gekommen, wo sie nach 13 angstvollen Stunden von einem Frachter aufgelesen und nach Sizilien gebracht wurden. Von dort ging es mit dem Zug über Mailand nach Deutschland. Das hat für 2 Erwachsene und 2 kleine Kinder insgesamt 10.000 Euro gekostet. Im Februar 2014 war das Umziehen von Lager zu Lager in Deutschland zu Ende und die Familie erhielt in meinem Wohnort eine Wohnung zugeteilt. Inzwischen ist ihr Asylantrag anerkannt worden, und alle atmen auf. Der 20jährige Bruder der Frau hat es im Sommer 2015 über die Türkei und die Balkanroute bis hierher geschafft und lernt mit Fleiß und Ehrgeiz sehr schnell Deutsch. Die sechsjährige Tochter hat im Kindergarten so gut und zügig Deutsch gelernt, dass für den Schulstart im Sommer keine sprachlichen Schwierigkeiten mehr zu erwarten sind. Die Familie hat im Haus guten Kontakt zu den anderen Bewohnern und der gerade einjährige hier geborene Sohn kann jetzt laufen. Sauberkeit und Ordnung in diesem syrischen Haushalt mit drei kleinen Kindern lassen nichts zu wünschen übrig. Ich habe die syrische Küche kennen und schätzen gelernt und bin als Frau bei der Familie auch dann willkommen, wenn der Mann nicht zu Hause ist.

Des Weiteren freut es mich, dass die so unterschiedlichen Teilnehmer und Teilnehmerinnen in meinem freiwilligen Sprachkurs nebenbei auch lernen, respektvoll miteinander umzugehen. Inzwischen können sie sich einigermaßen alltagstauglich auf Deutsch verständigen. Mit Händen und Füßen habe ich von ihnen z.B. schon viel erzählt bekommen über die derzeitigen Lebensumstände im zerbombten Aleppo und von den ständigen Gräueltaten der Taliban in Afghanistan.
Dabei habe ich mal wieder erfahren, dass Integration am leichtesten im kleinen persönlichen Bereich stattfinden kann, und es dafür immer wieder offene Begegnungen braucht. Die schwierige deutsche Grammatik interessiert meine Schüler nur notgedrungen, wenn ich jedoch in einfachen Worten von meinem Leben in Deutschland und von meiner Familie erzähle, hören sie mit offenen Augen und Ohren zu. Und umgekehrt ist es genauso. Nach und nach lernen beide Seiten mit dem zu agieren, was schon geht. Realität und Vorstellung beginnen sich anzunähern, das Kennenlernen und Achten der anderen Kultur bahnt sich einen gemeinsamen Weg. Man bekommt eine erste Idee davon, wie die hier ankommenden Flüchtlinge aus den unterschiedlichen Heimatkulturen so denken und fühlen, und welchen Halt ihnen das Verbundensein mit ihrer Herkunftskultur und mit Menschen gleicher Volkszugehörigkeit bietet. Besonders deutlich wurde mir das in der Zeit des vergangenen Ramadan. 

Nebenbei habe ich auch bemerkt, dass in meinem eher noch flüchtlingsfernen örtlichen Bekanntenkreis mit großem Interesse das Engagement unserer örtlichen Flüchtlingsinitiative verfolgt wird. Durch das Erzählen darüber mag für manchen interessierten Zuhörer das Fremde der Flüchtlinge ein kleines bisschen weniger fremd und bedrohlich erscheinen. Und der eine und die andere fragen nach einer Weile, ob sie uns auf diese oder jene Weise ein bisschen unterstützen könnten.

Können wir das schaffen? Heißt die Frage nicht auch: Wollen wir das schaffen?

Inzwischen heißt es wohl auch schon: Wir müssen das schaffen! Wir im gemütlichen Westen haben zu lange nichts wissen wollen von der Not in anderen Teilen der Welt. Nun kommen diese Menschen aus Not zu uns, erst die Kriegsflüchtlinge und bald auch die Klimaflüchtlinge. Es wird nicht funktionieren, dass wir uns unsere Gemütlichkeit erhalten können während die Welt um uns brennt. Die Hoffnung, verschont zu werden, taugt nicht (Hilde Domin). Und noch etwas: Unser Volk hat sich im vergangenen Jahrhundert weltgeschichtlich gesehen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Wären Pegida und Co nicht, ob es dann in diesem Ausmaß ein Engagement für die Flüchtlinge geben würde? Nun haben wir zumindest die Chance, es diesmal besser zu machen. Achtsam, gelassen und liebevoll kann man erste kleine Schritte versuchen im Bereich dessen, was gerade ist und was und wie´s gerade geht. Dazu wünsche ich uns Bereitschaft, Phantasie, Geduld, Ausdauer und Zuversicht.

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Bertram Dickerhof SJ, April 2016

Ostern

Nach meinem Erleben waren dieses Jahr Karwoche und Ostern im Ashram eine besonders „runde” Sache. In der Feier der Osternacht am Samstag Abend erzählten Teilnehmende von Erfahrungen, auf Grund derer sie glauben: Erfahrungen, die notwendig etwas mit Auferstehung Jesu zu tun haben müssen, wenn es stimmt, dass ohne die Auferstehung Jesu der Glaube sinnlos ist, wie Paulus schreibt (1 Kor 15,7). Etliche vermittelten etwas von einem im Innersten der Person Angerührt-, Gemeint- und Bejaht-Sein, im Innersten, wo alles ungeschminkt so ist, wie es ist, – so wie der am Pfahl hängende und daher von Gott Verfluchte von Gott unbedingt bejaht wird, d.h. aufersteht.

Die Einsetzung der Eucharistie am Gründonnerstag deutet die Passion Jesu als ein Geschehen „für” die Jünger. Die Passion Jesu reißt die Jünger in ihre eigene Passion, in der ihre Illusionen über Jesus als politischen Messias, ihre Zukunftsperspektiven, ihre Selbstüberschätzung („und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen” (Mk 14,31)) sterben. Rumi hat schon recht, wenn er Sterben als die Bedingung für Auferstehung ansieht. Die Jünger können Auferstehung Jesu nicht erfahren, ohne selbst „gestorben”, am Nullpunkt ihrer Existenz angekommen zu sein.

Doch darf diese Ermöglichung des Osterglaubens nicht als Zweck oder Ziel des Todes Jesu missverstanden werden. Eher kann man sagen: Jesus stirbt, wie er stirbt, „ohne (irdisches) Warum”. Das drücken die Synoptiker damit aus, dass Jesus im Gehorsam gegenüber dem Vater stirbt. Der Vater: das ist ja kein anderer als Jesus selbst, kein „Gott-Ding”, kein „Gegenüber” (Objekt). Der Vater ist Jesus (und auch uns) innerlicher als sein Innerstes, der geheimnisvolle Abgrund in ihm selbst, aus dem er lebt. Aus der Grundlosigkeit dieses Abgrunds zu leben, heißt lieben. „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.” (Joh 13,1). So stirbt Jesus „ohne Grund” in Liebe, und stirbt gerade auf diese Weise für die Jünger, denen sein Tod ein Verstehen dessen ermöglicht, was vor allen Gründen und Zwecken liegt.

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Alfons Gierse, März 2016

Kreative Hoffnungslosigkeit

Als Eheberater erlebe ich immer wieder, dass Paare vor mir sitzen, die miteinander in ein schier unauflösbares, wirres Knäuel von Streit und Konflikt verwoben sind. Sie halten zäh am Konflikt fest und lassen nicht locker, obwohl sie von sich sagen, dass es ihnen nicht gut geht und sie ihr Leben als unglücklich betrachten. Dazu wenden sie ganze Arsenale von Strategien an: Sie teilen Ereignisse und Aussagen ein in Kategorien von richtig und falsch, von gut und schlecht; jede Person beharrt auf ihrem Recht; es gibt eine ausgeprägte Tendenz zu begründen und zu rechtfertigen und einen Hang zu idealisieren und abzuwerten. Auf die Frage, ob diese Strategien ihnen hilfreich waren, um zufriedener und glücklicher zu werden ernte ich fast durchgehend ein Nein. Es ist kaum vorstellbar, warum das Paar dann einen Vorteil daraus ziehen sollte. Wozu also halten sie daran fest?

Vorwürfe und Streit halten Paare zusammen. Wenn nur einer von beiden einlenken würde, so die Hoffnung von beiden Seiten, wäre alles gut. Hinter dem Konflikt versteckt sich also ein Ideal von Harmonie, Gemeinsamkeit und Gegenseitigkeit. Wenn nur wieder alles so wäre wie früher. Würde auch nur einer von beiden die Idee aufgeben, den Partner zur Änderung zu bewegen, würde all die Wut und Bitterkeit ins Leere laufen. Das aber schafft Verunsicherung und Angst.

Die Hoffnung ist an dieser Stelle Teil des Problems und nicht der Lösung. Auch die Emmausjünger drücken auf dieser Ebene ihre Hoffnung aus: „Wir dachten, das er – Jesus – Israel erlösen würde”. Dabei hatten sie möglicherweise ihr Ideal von Erlösung vor Augen, nämlich die Wiederherstellung des Reiches Israel in seiner weltlichen Macht und Herrlichkeit. Innerhalb dieser Sicht auf die Dinge bleibt nur das Scheitern, bleibt Jesus im Grab, abgeschlossen vom Leben durch einen schweren Verschlussstein.

Aber die Emmausjünger gehen einen Schritt weiter. Sie reden über all das miteinander, was sich ereignet hatte. Sie tauschen ihre Geschichten aus und befragen sich gegenseitig. So aber bringen sie sich innerlich in Kontakt mit dem, der ihnen wirklich wichtig war im Leben und der sie tief im Herzen berührt und bewegt hatte. Wo sie das Leiden des Messias als Teil seiner Lebenswirklichkeit begreifen lernen und offen werden dafür, ihre Verzweiflung und Trauer und ihre Angst zu spüren und da sein zu lassen, öffnet sich eine neue Lebensperspektive: kreative Hoffnungslosigkeit als der innere Ort, an dem ich meine eigenen Vorstellungen vom Leben loslasse und das annehme, was ist.

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Bertram Dickerhof SJ, Januar 2016

Der spirituelle Weg

Im März wird mein Buch "Der spirituelle Weg. Eine christlich-interreligiöse Lebensschule" bei Echter erscheinen. Ich möchte Euch hier einen kleinen Einblick in den Inhalt geben. Er besteht aus folgenden Kapiteln:

I. Die zweite Bekehrung
II. Der Schritt auf dem spirituellen Weg

  1. Von außen nach innen - erstes Moment des spirituellen Schrittes
  2. In die Tiefe – zweites Moment des spirituellen Schrittes
  3. In der Tiefe
  4. Von innen nach außen – drittes Moment des Schrittes auf dem spirituellen Weg

III. Der spirituelle Schritt und das Evangelium
IV. Der Weg
V. Ashram Jesu

Das erste Kapitel schildert die Geburtsstunde des Ashram Jesu am Ganges. Das zweite ist das Hauptkapitel: es stellt den spirituellen Schritt als eine kreisförmige Bewegung dar, die "außen" beginnt, bei den Begegnungen und Begebenheiten des Lebens, aktuellen und biografischen, auf deren Nachhall im Inneren es dann, zweitens, zu lauschen gilt: auf die inneren Bewegungen also, die jene auslösen, auf Gefühle, Gedanken, Wünsche. Diese Wendung nach Innen, vor allem aber das Durchleben des Ausgelösten, stellen eine wahre Herausforderung dar. Sie bedeutet nämlich, sein Leben nicht vor allem mit Ablenkungen und vermeidenden Zerstreuungen zu leben, sondern im Bewusstsein der eigenen Wirklichkeit: wie es wahrhaft um einen jetzt und hier bestellt ist. Solche Annahme der eigenen Wahrheit disponiert dafür, dass in der Tiefe so etwas wie ein Durchbruch geschehen kann: die eigene Lebensgrundlage in ihrer bisherigen Form stirbt, sie bricht; der so Getroffene fällt in die Tiefe und verspürt in seinem Sturz eine ihm begegnende, ihn unbedingt haltende und zu sich selbst befreiende personale Kraft. Deren nüchtern lassende Offenbarung ist von solcher Art, dass der Stürzende sie spontan bejaht und mächtig das Leben bei ihr und in ihr ersehnt. Verbunden mit dieser Erfahrung ist eine Sendung nach außen, eine Aufgabe, eine Entscheidung, ein Verhalten, was immer, in dessen Ausführung etwas von der mitgeteilten Liebe, Freude, Ruhe und Wesentlichkeit in die Welt getragen wird.

Während das zweite Kapitel darlegt, dass ein so verstandener spiritueller Schritt auch im Sufismus, im Buddhismus und Hinduismus zu finden ist, zeigt das dritte Kapitel, wie sehr dieser spirituelle Schritt dem Evangelium entspricht und insbesondere bei christlichen Mystikern zu finden ist. Das vierte Kapitel sieht im Lernen von Beziehung und im Annehmen von Enttäuschungen die wesentlichen Stationen, um in Geduld und Vertrauen immer mehr aus der Quelle des Lebens und der Liebe leben zu können. Und das letzte Kapitel beschreibt, wie der spirituelle Schritt in einer Grundübung im Ashram Jesu verwirklicht ist.

Das alles ist nicht meine Erfindung, sondern ein Fazit meiner Lebens- und Glaubenserfahrung, die deshalb auch immer wieder zur Sprache kommt, um das Geschilderte zu illustrieren.

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Bertram Dickerhof SJ, September 2015

Lotus und Kreuz

Lotos und Kreuz sind Symbole für das Buddhistische resp. Christliche. Der Lotos, die einzige Gattung einer Pflanzenfamilie und damit einzigartig, liegt in seiner schlichten, reinen Schönheit auf dem Wasser. Das Wasser benetzt ihn, doch perlt es von ihm ab, so dass die Blätter des Lotos stets sauber bleiben. Er symbolisiert damit die Weise, wie der Erleuchtete durchs Leben geht: erhaben thront er auf den Wassern des Lebens und Leidens, die an ihm abperlen. So passt der Lotos gut in unsere Wohnzimmer, – solange zumindest, bis man sich daran erinnert, dass seine Wurzeln im Sumpf stecken: ein Sumpf, den die Pflanze weder verlassen noch trockenlegen kann; den sie braucht, um leben und ihre ganze Schönheit entfalten zu können; ein Sumpf, in den sie immer mehr hineingehen muss, um zu wachsen und zu gedeihen.

Diesen zweiten Gedanken bringt das Kreuz radikal zum Ausdruck: der Sumpf des Lebens, das Durchkreuzende, wo es einfach nicht klappt, wie man es sich wünscht oder vorstellt; wo Durststrecken und Belastungen zu bewältigen sind; wo Störungen hinzunehmen sind, seien sie familiärer, beruflicher oder politischer Art. Das Kreuz ist das „X” im Leben, das uns letztlich mit dem Tod konfrontiert. Und wie beim Lotos, der nur im Sumpf blühen kann, lautet auch die Aufforderung des Kreuzes (Christi), das Störende zunächst einmal zuzulassen und daseinzulassen; m.a.W.: es zu hören – nicht nur in Form eines Registrierens, sondern so, dass das Störende im Bewusstsein anwesen und das Alltagsleben begleiten darf: so lernt man es kennen, – nur so. Das Durchleben der Spannung ermöglicht Unterscheidung: der Horizont öffnet sich auf das Ganze hin und man findet seine Wahrheit und seine Verantwortung hier und jetzt heraus; so integriert sich die Botschaft des Störenden ins gelebte Leben – und führt dessen Blüte neuen Saft zu.

Soweit haben Buddhismus und Christentum also ähnliche Intuitionen. Doch was entspricht der Schönheit und Erhabenheit der Lotosblüte im Christlichen? Dem Symbol des Kreuzes mangelt jeder Anhaltspunkt für die als Frucht eines durchgetragenen Kreuzes bisweilen im Leib erfahrbare Einfachheit und Integriertheit und Gegründetheit und Freude des Erlösten. Oft genug bleiben solche Wirkungen auch aus, kein Lotos blüht, sondern zeitlebens bleiben Traumatisierung, Sinnlosigkeit und Untergang. Das das Christliche symbolisierende Kreuz verspricht keine innerweltliche Blüte. Und dennoch: Das Christliche könnte nicht ein Marterinstrument wie das Kreuz als Symbol der Erlösung ansehen, wenn aus dem Annehmen des Kreuzes im Alltag allein Untergang erwüchse. Die Botschaft des Kreuzes als Symbol ist, dass seine Erlösung und sein Heil gerade nicht abbildbar sind, da sie zwar real und erfahrbar, doch anders wirklich „sind” als alles, was wir als unsere Welt kennen. Karl Rahner sprach in diesem Zusammenhang immer wieder vom Sturz in den dunklen Abgrund, der das unbegreifliche Geheimnis Gottes „ist”.

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Bertram Dickerhof SJ, August 2015

Flüchtlinge

In diesem Jahr sind die Flüchtlinge, die zu uns kommen, ein dominantes Thema in der Öffentlichkeit. Die Aufgabe, mit ihnen umzugehen, wird vermutlich lange Thema bleiben, da die politischen und wirtschaftlichen Fluchtgründe in Afrika, dem Orient und vielen anderen Teilen der Welt fortbestehen, und die Aufnahme hier, in Europa, nicht selbstverständlich ist. Das waren Aufnahme und freundlicher Umgang mit Fremden nie. Auch in der Bibel kommt dieses Thema vor, keineswegs nur am Rande. Und die Bibel bezieht eine sehr klare Position. So heißt es beispielsweise in der Tora: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.” ( Lev 19, 33-34)

Der Tenor der Bibel Fremden, Armen und Flüchtlingen gegenüber ist durchweg freundlich. Erstaunlich ist jedoch, dass hier und an etlichen weiteren Stellen die Fremden nicht nur als Einwohner zweiter Klasse geduldet, sondern Einheimischen gleichgestellt, ja geliebt werden sollen, wie man sich selbst und seine Nächsten liebt. Eine Unterscheidung zwischen politisch Verfolgten und Armutsflüchtlingen, die die Bibel durchaus kennt, wird hier übrigens nicht getroffen: es ist einfach vom „Fremden” die Rede. An anderen Stellen erscheint der Umgang mit den Fremden und Schwachen als Maß für die Humanität der Gesellschaft (z.B. Sach 7, 9-11) bzw. wendet sich deren Inhumanität schließlich gegen diese selbst (Weish 19, 13f). Zur Begründung verweist der Text auf den Aufenthalt der eigenen Vorfahren in der Fremde: Ägypten, zunächst Ort der Rettung vor Hungersnot, wird allmählich zum Ort wachsender wirtschaftlicher und politischer Unterdrückung, bis die Enkel sich entschließen müssen, die „Fleischtöpfe Ägyptens” zurückzulassen und zu fliehen. Das Durchleben dieses Exodus ermöglichte den Hebräern eine Erfahrung, die für sie als Nation und für die Ordnung ihres Zusammenlebens von überwältigender Bedeutung war: die Erfahrung eines Gottes, der da ist und wirkt.

Wir dürfen nicht vergessen, dass auch aus Europa Menschen vor Hunger, politischer oder religiöser Verfolgung fliehen mussten und dass auch wir nur Fremde und Gäste sind in dieser Welt. Deswegen mahnt Petrus: „Gebt den irdischen Begierden nicht nach, die gegen die Seele kämpfen.” (1 Petr. 2,11). Ein solcher Widerstand wäre bitter nötig: Inzwischen sind wir eine der reichsten Regionen der Welt, die überproportional globale Ressourcen (Energie, Bodenschätze, Umwelt, Klima) verzehrt. Doch scheinen Besitzstandswahrung und Profitmaximierung allgemeines Gesetz zu sein. Ja, Gier macht unsere wahre Welt aus, die hinter den Fassaden unser Leben bestimmt. Sie veranlasst zu einem erbarmungslosen Umgang miteinander; man steht in Gefahr, andere für seine Zwecke auszunutzen – „und alle verlieren ihre Seele”, ihre Humanität, ihren Frieden.

Und da sind nun die Flüchtlinge mit ihrer Erfahrung, alles zurückzulassen. Natürlich haben sie Angst und Not erlebt, etliche sind traumatisiert. Doch vielleicht können manche anderes erzählen als nur den Schrecken. Vielleicht ist manchen, wie den Hebräern auf ihrer Flucht, etwas von Sinn und Hoffnung aufgeleuchtet, von einem realen, präsenten Gott. Den kann man nicht kaufen. So könnten sie uns eine Perspektive geben, die mehr ist als Wachstum und das Weitermachen im Hamsterrad der Gier, der Erschöpfung und des Sinnverlustes.

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Petra Maria Hothum SND, Juli 2015

Sich selbst sein lassen

In diesen Tagen erinnern mich die abgemähten Kornfelder mit dem noch auf ihnen befindlichen Stroh an eine grund-legende Erfahrung während meiner großen Exerzitien vor einigen Jahren: Während dieser vierwöchigen Intensiv-Zeit war viel mit und in mir geschehen, doch erlebte ich gleichzeitig Phasen der Unzufriedenheit, in denen ich diese positive Entwicklung überhaupt nicht sehen und schon gar nicht würdigen konnte.

Der Grund dafür erschloss sich mir erst spät: aus meiner theoretischen Kenntnis des Exerzitien-Prozesses heraus hatte ich mir – klammheimlich und mir selbst kaum bewusst – eine klare Zielvorstellung für diese Zeit entwickelt, hinter der ich jedoch hoffnungslos zurück blieb. Je mehr sich dies abzeichnete und die Zeit dahin ging, um so mehr wuchsen Unruhe, Anstrengung und Frustration. Gefangen in meiner eigenen Vorstellung, rannte ich dem vermeintlichen Ziel hinterher, um es sozusagen auf den letzten Metern doch noch irgendwie zu „schaffen” – aber vergeblich!

An einem der letzten Exerzitientage – es war sehr heiß – absolvierte ich meinen täglichen Spaziergang durch die Felder. Besser gesagt, ich schleppte mich matt und enttäuscht durch die Gegend und konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Als schließlich gar nichts mehr ging, ließ ich mich mit einem aufseufzenden „Schluss jetzt!” ermattet ins trockene Stroh am Feldrand sinken. Ich wollte und konnte nicht mehr: weder spazieren gehen, viel weniger aber noch meinem selbst konstruierten Ziel weiter nachlaufen. Müde und resigniert lag ich da, keine Ahnung, wie lange. Es war auch egal, da die „Schlacht” ohnehin verloren und ich mit meinen Vorstellungen gescheitert war. In diesem Moment der Kapitulation begann sich unmerklich etwas zu verändern. Die Fixierung auf die eigene Ziel-Vorstellung, die meinen Blick getrübt und meine Wahrnehmung total eingeschränkt hatte, lassend, kam ich langsam wieder in Kontakt mit mir selbst und meiner Umgebung: Ich lag im Feld – und nahm den Duft des Strohs wahr; ich lag am Boden – und merkte, dass er mich trug; ich lag in der Sonne – und spürte ihre Kraft und Wärme; ich lag einfach da – und musste nirgendwo ankommen; nichts fehlte, alles war da. Für einen wahrhaft gnadenhaften Moment konnte ich mich einfach sein lassen, wie ich war. Statt einem Idealbild genügen zu müssen, konnte ich mir gestatten, meine Wirklichkeit hier und jetzt wahrzunehmen, meinen Weg in meinem Tempo zu gehen und empfand eine unerklärliche, leise Freude daran, mich selbst sein zu lassen.

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Bertram Dickerhof SJ, Juni 2015

Bei den Dingen, nicht in den Dingen

Wer in jüngerer Zeit im Ashram gewesen ist, wird gestutzt haben, als er auf dem Dienste-Plan mehrmals täglich Karma Yoga zu lesen bekam, wo früher einfach „Arbeiten” stand. Karma Yoga ist Yoga des Handelns, Einheit mit sich selbst und Gott im Handeln, im Tun, durch die Arbeit, – freilich nur dann, wenn die Arbeit „das Anhaften aufgegeben habend” (Bhagavadgita II,48) getan wird.

Im entschleunigten und achtsamen Milieu des Ashram hat man gute Chancen zu merken, was einen beim Arbeiten alles bewegt: nämlich nicht nur Motive, die sich auf die Sache, sondern auch solche, die sich auf die Person des Arbeitenden beziehen, und letztere sind die interessanteren: So kann ein Gast beim Karma Yoga merken, dass er sich mehr als nötig anstrengt, – weil er seine Sache so gut machen will, dass andere es sehen und ihn loben. Oder er strengt sich an, weil er es auf einen Kick durch Leistung abgesehen hat. Eine andere Person mogelt sich an der Arbeit vorbei oder pfuscht; sie schmeckt ihr nicht und sie weicht vor der Unannehmlichkeit zurück. Ein dritter kommt nicht voran, weil sein Perfektionismus ihn gefangenhält. Oft ist es weniger die Sache selbst, die einen müde macht und unfrei, sondern solche persönlichen Motive, mit denen der Arbeitende an der Sache haftet. Diese „Anhaftung” – so die Bhagavadgita –verhindert, im Arbeiten mit sich und Gott in Frieden zu sein.

Ähnliche Gedanken finden sich auch im Christlichen: Meister Eckhart spricht davon, im Arbeiten und in Beziehungen bei – nicht in – den Dingen (und Personen) zu stehen und meint damit, sich nicht in die Dynamiken verstricken zu lassen, die diese in der Person zu entfesseln vermögen, sondern ein wenig Abstand zu halten, damit die innere Freiheit allzeit gewahrt werden kann; dass der Arbeitende Subjekt der Arbeit bleibt, fähig zu Abstand und in der Lage zu erkennen, wenn er sich verrennt und erschöpft oder dabei ist, Gewalt anzuwenden oder zu betrügen usw.. Von Ignatius, dem Gründer der Jesuiten, stammt der paradoxe Sinnspruch: bete, als ob alles von dir abhängt; arbeite, als ob alles von Gott abhängt. Gemeint ist, dass der Mensch sich alle Mühe geben soll, im Gebet den Willen Gottes zu erkennen, also ausfindig zu machen, was er zu tun hat, und wie es zu tun ist. Da aber der Erfolg dieses Tuns von Gott abhängt, kann er bei der Ausführung gelassen bleiben und frei von allen möglichen Antreibern.

Die globalisierte Welt befindet sich allerdings auf einem anderen Weg. Da steht man in den Dingen; Selbstausbeutung wird zur Lust erhoben, 24-Stunden-Erreichbarkeit verleiht einem Bedeutung, alles muss stets schneller und effizienter gehen. Nachdenken wird so unmöglich und Arbeiten in innerer Einheit und Freiheit auch. Gleichzeitg steigt die Zahl derjenigen, die ihren Alltag nur noch mit Psychopharmaka bewältigen können. Es macht mir Sorgen, wohin diese Entwicklung führt.

Ich schreibe Euch diese Gedanken zur Zeit des Jahresurlaubs. Er ist eine Chance, wieder „runter” zu kommen, „aus den Dingen” heraus, in den rechten Abstand zu ihnen. Im Alltag ist unsere Ashram-Methode des Innehaltens so etwas wie der tägliche Urlaub, der die Chance eröffnet, sich „bei den Dingen” aufzuhalten und seine innere Freiheit ihnen gegenüber zu wahren: Wäre es nicht ein erwägenswerter Gedanke, dies ab und an auch im Urlaub zu praktizieren und dann im Alltag damit weiterzumachen?

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Bertram Dickerhof SJ, Mai 2015

Gebet

Immer mal wieder stolpern unsere Gäste darüber, dass wir zwar ein Tischgebet haben, in den Schriftbetrachtungen über Gott oder Jesus sprechen, dass Gott, Christus,… jedoch in der Meditation selbst nicht explizit vorkommen, nicht angesprochen werden. Wenn das befremdet, ist es gut, vor allem, wenn das Befremden zum Gegenstand der Meditation wird und Fragen an sich selbst veranlasst: was einem dabei fehlt, welche eigene Erwartung enttäuscht wird, was das überhaupt für eine Person ist, an die man sich wendet, wenn man sich an Gott wendet. Das Bild von Gott, mit dem man es dabei zu tun hat, hat projektive Anteile. Oft soll mein Gott sich verhalten entsprechend der eigenen Vorstellungen von idealen Eltern. Das Problem besteht nicht nur darin, dass der wahre, transzendente Gott solche Erwartungen an sein Bild in seiner Über-Güte immer wieder enttäuschen muss, sondern auch in der reziproken Rollenzuschreibung an mich selbst: meinem Gottesbild – dem idealen Elternteil – steht umgekehrt auch ein illusionäres Selbstbild – z.B. des idealen Kindes – gegenüber, das sich Ansprüchen ausgesetzt sieht und vor ihnen versagt, die nicht vom wahren Gott kommen, und außerdem in einer Infantilität gefangen ist, die der wahre Gott nicht will.

Der Schmerz über das Verlieren des eigenen Gottesbildes, das sich auf dem Weg der Meditation zu ereignen beginnt, weicht bald einem Gefühl der Befreiung und Dankbarkeit. In der Tat mahnt die Schrift: „Du sollst dir kein Gottesbild machen.” (Dtn 4, 23)

Positiv reift das Gebet vom Sprechen mit Gott über ein Schweigen zum Hören auf Gott, dessen Wille auf dem Feld der eigenen inneren Bewegungen erkannt wird, indem diese zugelassen, angenommen und unterschieden werden. Da es gilt, auch mit denjenigen auszuhalten, die unerwünscht, störend, „kreuzigend” sind, wird dabei das eigene Herz gereinigt. Es sind „die Menschen reinen Herzens, die Gott schauen…” . Da diese Herzensreinigung als das Wesentliche sich von selbst ereignet, – der eigene Teil ist das Zustimmen zu diesem Prozess, das Aushalten, – kann das Gebet immer passiver werden. Mehr und mehr wird es zu einem Loslassen, Geschehenlassen, Sich Übergeben. Der Beter im Ashram sitzt vor Gott und entsagt mehr und mehr den eigenen Erwartungen und der Suche nach Befriedigung im Gebet, z.B. auch der, vor Gott sein Herz auszuschütten. Wozu auch? Was könnte er Gott sagen, was dieser nicht weiß? Der Beter im Ashram lässt alle eigene Aktivität, damit, was geschieht, nicht von ihm stamme. Was sich einstellt, ist Nichts, eine unsagbare, nüchterne und einfache Erfüllung.

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Bertram Dickerhof SJ, April 2015

Die drei Heiligen Tage

Gründonnerstag ist die Deutung der Passion durch Jesus selbst: er gibt sich in den Tod, damit die Vielen begreifen, dass das Durchleben der guten und der schlechten Stunden und das Tun des Gesollten bis zur Annahme des Todes der Weg zu ewigem Leben ist. So stirbt er aus Liebe für uns Menschen. Diese Grund legende Wahrheit ist uns in der Messe aufbewahrt.

Karfreitag ist die Vergegenwärtigung des Sterbens Jesu in Liebe und Würde, – und Vergegenwärtigung der vielen Kreuze, die Menschen tragen.
Ostern ist als existentieller Prozess der Jünger zu verstehen, in dem Jesus ihnen als Auferstandener erscheint. Insbesondere das Markusevangelium schildert immer wieder, dass die Jünger Jesus nicht wirklich verstehen konnten, solange er noch mit ihnen wanderte. Nun stirbt er am Kreuz, und damit verlieren sie nicht nur seine Nähe, sondern auch ihre Vorstellungen von Jesus zerbersten. Damit sind sie mitten in ihrer Passion angelangt, die für sie den Boden bereitet, die Auferstehung, die Jesus verheißen hat und der Engel im Grab verkündet, in Leben und Sterben, in der Person Jesu und ihrem Wirken entdecken zu können.

Und tatsächlich widerfährt ihnen die Erkenntnis des „göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Jesu” (2 Kor 4,6), für den sie zu Lebzeiten Jesu blind waren. Hier schließt sich der Kreis zum Gründonnerstag: die Erkenntnis Jesu als Auferstandenem ist nur möglich in einem existentiellen Prozess, der einen mit dem Tod konfrontiert. Nur darin wird das menschliche Herz von seiner Verstocktheit so geheilt, dass die Augen des Menschen wirklich beginnen zu sehen und seine Ohren wirklich hören und verstehen. Das ist die Chance, die in den schwierigen Zeiten des Lebens liegt, – wenn man sich ihnen stellt. Jesus als Auferstandenen zu erkennen bedeutet zugleich, sich selbst als Kind Gottes zu erfahren.

Das lese ich aus dem Osterevangelium, wenn man es weniger als Auferstehungslegende ansieht, sondern als Verkündigung des Weges zur Disposition für eine Ostererfahrung der Gläubigen.

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Bertram Dickerhof SJ, März 2015

Standhalten lernen

Der Kern der Lebens- und Meditationsweise im Ashram Jesu besteht im Standhalten bei dem, was ist, sei es angenehm oder unangenehm. Doch stoße ich immer wieder darauf, dass dieser Kern sich nicht leicht erschließt. Das ist nicht verwunderlich; ist er doch dem üblichen Verhalten entgegengesetzt.

Wenn uns etwas aufregt, positiv oder negativ, geraten wir in Spannung, und sofort entsteht der Wunsch, die Spannung möge sich auflösen, erst recht, wenn sie mit Gefahr und Angst verbunden ist. Wie alle Säugetiere fliehen auch wir dann oder greifen an (oder, wenn gar nichts mehr hilft, stellen wir uns tot und machen uns fühllos).

Standhalten heisst nun, bei der Spannung und ihrer Ursache, jedenfalls bei dem, was ist, in Sichtweite stehen zu bleiben; also weder aus der Gefahr zu fliehen, z.B. durch Ablenkung (beim Sitzen: indem man sich auf etwas anderes konzentriert oder die Meditation abbricht), noch anzugreifen, durch irgendwelche Aktionen die Ursachen der Spannung wegzuschaffen (beim Sitzen: durch ein wenig Herumzappeln oder Nachdenken über die Situation). Bei der Spannung stehen zu bleiben heißt, nahe genug dran sein, um sie zu spüren und damit auch die Gefühle, die sie auslöst: ich habe dann Angst oder Freude oder Wut, bin aber nicht damit identifiziert , gehe nicht darin auf oder unter, himmelhoch zu jauchzen oder zu Tode betrübt von den Gefühlen überschwemmt zu werden. Die Spannung ist dann zwar ein Teil der Person, sie hat sie, aber sie ist nicht ganz und gar diese Spannung.

Zu realisieren ist ein solches Standhalten in der Weise, wie im Ashram Meditation geübt wird, nämlich durch Verweilen in der Wahrnehmung: der Meditierende nimmt die Spannung wahr, er spürt sie. Insofern er aber im Wahrnehmen verweilt, steht er der Spannung, dem Objekt seiner Wahrnehmung, als wahrnehmendes Subjekt gegenüber: er spürt sie, aber er ist sie nicht.

Der Buddhismus lehrt, bei der Meditation gleichermaßen Angenehmes wie Unangenehmes auszuhalten. Das Evangelium spricht von „Selbstverleugnung und Kreuztragen” und meint damit nicht den Alltag des Hörens, in dem das Leben gelebt werden soll.

Das ist ein langer Weg. Auch die Jünger im Evangelium müssen ihn erst lernen. Dabei genügt guter Wille allein nicht: die Festnahme Jesu schwemmte die Jünger einfach hinweg, entgegen ihrem festen Vorsatz; sie mussten fliehen.

Wieso das Standhalten gelernt werden soll? Lernt man es nicht, dann wird das eigene Leben immer mehr von Angst beherrscht und die Straße, auf der es einhergeht, immer enger, bis sie an einer undurchdringbaren Wand endet. Das ist aber zugleich die Lernchance schlechthin für denjenigen, der sich seiner Vermeidungsstrategien bewusst ist. Denn nun, an der Wand, wo die bisherigen Strategien offenkundig gescheitert sind, bleibt ihm noch das Standhalten, das er bisher gescheut hat. Nutzt er diese Chance, wird er merken: nicht alles, was die eigenen Vorstellungen enttäuscht, ist schlecht; nicht in allem, wo Tod draufsteht, ist tatsächlich Tod drin, sondern das wahre Leben.

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Bertram Dickerhof SJ, Januar 2015

Beheimatung in sich selbst

Die Welt hat in den letzten Wochen den Atem angehalten wegen der islamistischen Anschläge in Paris und weltweit – und ich halte ihn weiterhin an, wenn ich an die Ukraine, an Griechenland, an den ausbleibenden Aufschwung in Europa denke. Europa möchte größtmögliche Freiheit in Sicherheit und Wohlstand. Wie gelingt es jedoch, dass schwer erträgliche Meinungen stehen gelassen werden können, ohne dass diejenigen, die sie schwer ertragen, sich rächen wollen und gewalttätig werden? Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als so, dass die Beheimatung in sich selbst wächst: in diesem Fall würden sich außerdem äußere Werte wie Wohlstand, Karriere usw. relativieren; dann käme man dahin, „zu haben, als habe man nicht”; die Beheimatung in sich selbst ist ein starker Motor, seiner Verantwortung zu entsprechen, da andernfalls der innere Frieden gestört ist. In Bezug darauf und in Bezug auf die Kenntnis anderer Religionen hat der Ashram Jesu eine wichtige Aufgabe.

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Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2014

Weihnachten

Im letzten Newsletter hatte ich dazu eingeladen, im Advent eine "virtuelle" Meditationsgemeinschaft zu bilden. Fünfzig Personen sind dieser Idee gefolgt. Das hat mich gefreut. Ich selbst habe es als etwas Besonderes empfunden, zu Beginn meiner Meditation jeweils einige Personen aus dieser Gemeinschaft in Muße und Ruhe vor mir gegenwärtig werden zu lassen und mich mit ihnen zu verbinden.
Bis Weihnachten besteht diese Gemeinschaft noch.

Weihnachten: bei den ein oder zwei "Ausbrüchen" vom Schreibtisch, die ich im Advent unternehmen musste, habe ich festgestellt, dass die Weihnachtsmärkte immer ausladender werden und nun auch an romantischen Stellen stattfinden: in einer Burgruine, bei einem Kloster, um eine Waldschänke , – und die Tannen immer aufwändiger und kostbarer geziert werden. Das ist schön, doch Weihnachten wird es dadurch noch nicht. Weihnachten kann es werden, wenn wir die Sehnsucht spüren, die unser ganzes Leben durchdringt, und ihre Unerfülltheit jetzt. Mit der Arbeit an der Erfüllung unserer Wünsche und Vorstellungen befinden wir uns in der Stadt Bethlehem, um mit der Weihnachtsgeschichte (Lk 2, 1-20) zu sprechen. Maria und Josef stellten sich vor, dort Herberge zu finden und suchten danach. Da aber innerhalb der Stadt kein Bewusstsein ist für jene Sehnsucht, und schon gar nicht für ihre Unerfülltheit, gibt es keinen Platz für Jesus. Er kann dort nicht geboren werden. Er wird draußen vor der Stadt geboren, in der Nacht, auf freiem Gelände. Hier hat die Unerfülltheit unserer Sehnsucht ihr Zuhause, der Sehnsucht, die hinter all unserem Streben steht. Verspüren wir jedoch diese Unerfülltheit und zugleich die Sehnsucht, – was den Schmerz zunächst tiefer macht, – sind wir wie die Hirten, die "nachts auf dem Feld wachen". Sie erleben das Licht der Engel, vernehmen ihre Botschaft und finden in sich selbst das göttliche Neugeborene, den Anfang neuen, göttlichen Lebens.

Wir leben in Städten. Doch nicht nur an unserem eigenen Leben, auch am Zustand der Welt ist die Unerfülltheit jener Sehnsucht abzulesen, die wir als Menschen zutiefst in unserem Herzen tragen, und die all unser Machen und Getue nicht erfüllen kann. In diesem Sinn wünsche ich Euch allen, dass der Erlöser in Euch selbst geboren wird. Dann wird das neue Jahr gesegnet sein.

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Bertram Dickerhof SJ, November 2014

Virtuelle Meditationsgemeinschaft

Wer, wie ich, sich dieser Tage in ein Kaufhaus verirrt, merkt schon unterm Eingang, dass Weihnachten und der Jahreswechsel nicht mehr fern sind.

Den Jahreswechsel kann man auch im Ashram Jesu begehen, d.h. in Stille, mit den üblichen vier Meditationen und viel Luft für einen selbst, um spazierenzugehen, sich auszuruhen und/oder sich mit den Anregungen zu beschäftigen, die es im Ashram gibt. Wir bieten jedes Jahr zwei auch kombinierbare Kurse vom 28. Dezember bis zum 01. Januar und vom 01. Januar bis 5. oder 6. Januar an.

Das Weihnachtsfest möchte ich zum Anlass nehmen, allen zu danken, die den Ashram Jesu in diesem Jahr unterstützt haben, ob ideell und/oder materiell. In besonderer Weise gilt mein Dank den Mitgliedern des Unterstützer*innenkreises, die uns durch ihre Spendenzusage eine Berechenbarkeit der Einnahmen und damit eine gewisse Sicherheit ermöglichen. Die Unterstützer*innen möchte ich schon jetzt zum Wochenende über Pfingsten (23. - 25. Mai 2015) einladen.

Wer Weihnachten zum Anlass nimmt, über seine Spendenpraxis nachzudenken, den bitte ich, auch einen Beitritt zum Unterstützer*innenkreis des Ashram Jesu zu erwägen (Flyer). Da meine Kräfte mit den Aufgaben im Ashram nicht mitwachsen, kann ich fortan keine Kursverpflichtungen außerhalb mehr eingehen. Die Honorare aus solchen externen Kursen haben die Jesuiten großzügig dem Ashram überlassen, dem sie nun verloren gehen.

Nun steht also der Advent vor der Tür, eine Zeit des Innehaltens. Ich freue mich darauf. Ich werde an meinem Buch arbeiten, damit es 2016 erscheinen kann. Da das um so besser geht, je mehr ich im Kontakt mit meiner Tiefe lebe, in welcher die Dinge sich zeigen, wie sie wirklich sind, bin ich zum Meditieren geradezu "gezwungen". Um die Zeit und Ruhe dafür zu haben, will ich meine wenigen Weihnachtsgeschenke noch im November besorgen. Die Vorbereitung der Weihnachtstage selbst braucht im Ashram nicht viel Aufwand. Wollt nicht auch Ihr das Geschäftliche und Geschäftige in die Schranken verweisen, um den Advent besinnlicher gestalten und im Advent täglich meditieren zu können? Wir könnten doch eine Meditationsgemeinschaft im Advent bilden, jeder an seinem Ort, doch voneinander wissend, dass wir der Stille und dem Innehalten bewusst Raum geben. Wenn Ihr mir eine E-Mail schickt , werde ich Euer gedenken, und, wenn Ihr mir das erlaubt, Euren Namen an alle anderen zu gegenseitigem Gedenken weitergeben, die sich beteiligen und mir ebenfalls ihre Namen mailen.

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Bertram Dickerhof SJ, September 2014

Zwei Welten

Deutlicher als je zuvor ist mir bei den Schriftbetrachtungen in den letzten Grundübungen die Existenz zweier Welten aufgegangen: Die erste Welt ist die uns selbstverständliche, in der wir unser tägliches Leben vollziehen. Es ist die gesellschaftlich konstruierte, inzwischen globalisierte Welt. Ihre Werte, ihre Kultur, ihre Normen und Regeln bestimmen unseren Lebensalltag: Machen und Gebrauchen der Dinge, Sich-Absichern – und von allem immer mehr. Hin und wieder erleben die Bürger dieser Welt etwas wie eine "Gipfelerfahrung": unbedingte Annahme ihrer selbst und Eröffnung des Seins auf seine Tiefe und Mitte hin. Liebe, Bescheidenheit, Freundlichkeit, … teilen sich mit. Und das eigene Herz bejaht erfüllt, was es erlebt. Doch verblassen solche Gipfelerfahrungen auch wieder im Tal des von Haben-Wollen und Gewalt geprägten Alltags. Sie sind seltene und tröstliche Momente, sie sind auch Indizien und Einladungen einer anderen Welt, die ebenso gegeben, dauerhaft und präsent ist.

Das tibetanische Totenbuch sieht diese als die ursprüngliche Welt an:"Erinnere dich an das klare Licht, das reine, klare, weiße Licht, von dem alles im Universum abstammt, zu dem alles im Universum zurückkehrt, die ur¬sprüngliche Natur deines eigenen Geistes. Der ur¬sprüngliche Zustand des nicht-manifestierten Univer¬sums. Ergib dich dem klaren Licht, vertraue ihm, ver¬schmelze mit ihm. Es ist deine eigene wahre Natur, dein Zuhause. … Die Visionen, die du hast, sind Ausge¬burten deines eigenen Bewusstseins."
Die globalisierte Alltagswelt, die durch unsere Wahrnehmungen und Gedanken ("Visionen") konstituiert wird, ist demnach lediglich Ausgeburt unseres eigenen Bewusstseins, von der man sich "nicht in Bann ziehen lassen sollte", wie es dort weiter heißt. Nicht dass sie nicht real wäre, doch ist die Welt des "reinen, klaren, weißen Lichtes" in höherem Sinne wirklich, da ursprünglicher und unzerstörbar.

Auch das Evangelium kennt zwei Welten: die eine ist schlicht "die Welt", gefangen in Sünde. Die andere ist das Reich Gottes. Es ist erlöste Schöpfung. Das Universum wird ja nicht dadurch zur Schöpfung, dass der Schöpfer den Urknall zündet, sondern so, dass er allen Dingen einwohnt: von ihm empfangen sie fortwährend ihr Dasein und Sosein, statt es egoman zu produzieren. Und erlöst ist die Schöpfung, wenn die Geschöpfe dieses Sich-Verdanken je nach ihrer Art vollziehen. "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Wir sind von Gottes Art." (Apg 17). Die Versöhntheit im eigenen Herzen, die dies bedeutet, äußert sich in der Versöhnung mit allen Wesen.

Wieso ich Euch das mitteile? Weil mich schon lange Zustand und Perspektiven der "Welt" Schlimmes befürchten lassen. Die in der Alltagswelt nicht zu befriedende Zerstörung und Gewalt an so vielen Orten der Erde sind ein Indiz dafür, dass auch im Inneren des noch ruhigen Westens etwas schief läuft.

Die beiden Welten sind "unvermischt und ungetrennt", um die christologische Formel zu benutzen. Das drückt auch das tibetanische Totenbuch aus. "Ungetrennt" heißt: es handelt sich nicht um Parallelwelten, sondern die "Territorien" und Wesen der beiden Welten sind die gleichen. "Unvermischt" bedeutet, dass kein Teilchen der einen Welt identisch sein kann mit einem Teilchen der anderen Welt: der Übergang von der Alltagswelt zur wahren Wirklichkeit bedeutet eine Transformation. Wie geschieht sie? Die buddhistische Antwort ist eher methodischer Art. Die christliche weist auf die Bedeutung dessen hin, was geschehen muss: etwas im Menschen muss sterben, damit Neues entsteht. Damit ist nicht nur das Sterben am Ende des Lebens gemeint, sondern alle Tode im Leben, die gestorben werden, wenn man sich seinem Leben und seiner Wahrheit stellt. Das ist der Weg, den der Ashram Jesu zu gehen versucht.

Mit diesen ernsten Gedanken entlasse ich Euch nach den Ferien in den Alltag, hoffend Euch zu unterstützen, ihn zu bewältigen.

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Petra Maria Hothum SND, Juli 2014

Wir sind hier nicht bei WÜNSCH DIR WAS, sondern bei SO ISSES!

"Wir sind hier nicht bei WÜNSCH DIR WAS, sondern bei SO ISSES!"

In diesem kurzen, eindrücklichen Slogan hatte ein Teilnehmer unserer Ausbildung im vergangenen Jahr beim Ashram-Jubiläum zusammengefasst, worum es hier im Ashram Jesu geht. Ein kleines Plakat mit diesen Spruch, das er entworfen hatte, hat seither seinen Platz in einem Winkel unseres Essraumes, und immer wieder werden Gäste des Ashram darauf aufmerksam. Interessant ist, welch unterschiedliche Reaktionen der Spruch hervorruft: Sie reichen von Erstaunen über Abwehr, Unverständnis, ja sogar Ärger bis hin zum Empfinden von Ermutigung, Freude, ja Faszination. Besonders eindrücklich war für mich die Reaktion einer Frau, die vor kurzem einen unserer Kurse besucht hat. Sie erzählte mir, dass sie auf einem Foto im Internet den Spruch entdeckt hatte und dies den letzten Ausschlag dafür gegeben habe, endlich einmal in den Ashram zu kommen. Sie folgte ihrem spontanen Impuls: "Da muss ich unbedingt hin!"

Wie kommt es zu einer solchen Reaktion? Was ist so einladend an diesem "SO ISSES", dass man sich deshalb tatsächlich auf den Weg macht? Immerhin ist ja das, was ist, vielfach gar nicht so erstrebenswert, außergewöhnlich oder erhebend – oft genug vielleicht sogar das Gegenteil davon! Warum also unbedingt hin zu einer Lebensschule, in der das Lernprogramm v.a. darin besteht, bei sich einzukehren, auszuhalten und in der Wahrnehmung der eigenen Wirklichkeit zu verweilen?

Ich glaube, dieses "SO ISSES" rührt an eine tiefe Sehnsucht in uns, der Mensch sein zu dürfen und zu können, der man in Wahrheit ist, aus seinem Inneren zu leben und zu handeln, im Kontakt zu sein mit sich selbst und der Wirklichkeit, wie sie ist.

Nur zu gut kennen wir jedoch die "WÜNSCH DIR WAS"-Antreiber in uns und um uns, die auf unterschiedlichste Weisen zu immer mehr und spektakulärerem Haben-, Erleben-, Erreichen-, Verhindern-Müssen animieren. Der Druck dieser Antreiber – nicht selten unbemerkt von uns – kann enorm und unersättlich sein. Zwar können wir unter dem Einfluss dieses Regimes durchaus Momente kurzfristiger Befriedigung und punktuellen Wohlbefindens erleben, doch bleiben wir auf lange Sicht unerfüllt und mit dem Verlangen nach immer noch mehr zurück. Um dem nachzukommen, funktionieren und re-agieren wir, erfüllen an uns gestellte Erwartungen, spielen unsere Rollen, drücken Knöpfe oder ziehen Fäden – und verlieren dabei immer mehr den Menschen aus dem Blick, der wir selber wirklich sind.

Der Weg aus dieser Dynamik führt über das Innehalten und das geduldige Verweilen bei dem, was man jeweils von sich selbst spürt. In diesem Aushalten bei sich selbst kann man bemerken, wie es einem wirklich geht, was einen beschäftigt und antreibt, wohin die eigene Sehnsucht geht. Und im liebevollen Daseinlassen dessen, was ist – gleich ob angenehm oder unangenehm, willkommen oder störend – kann sich langsam etwas klären und vielleicht ein nächster Schritt zeigen.

Solches Innehalten und Bei-Sich-Verweilen ist sicher immer wieder auch schmerzlich und eine Herausforderung. Aber letztlich ist es immer wieder wohltuend, stärkend und befreiend, Kontakt zum eigenen Inneren zu finden und sich je neu seinem "SO ISSES!" zu stellen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch und Ihnen einen wohltuenden, erholsamen Sommer, der neben manchen äußeren Erlebnissen und Reisen auch Zeiten der inneren Einkehr mit sich bringt.

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Bertram Dickerhof SJ, Juni 2014

Pfingsten, Unterstützer*innentreffen

Impuls zu Pfingsten

Pfingsten, "das liebliche Fest", gefeiert zu einer Zeit, da in der Natur die Blüten zur Frucht werden, ist das Tor, durch das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu für uns fruchtbar werden können. Der Geist, den Jesus atmet, geht nun auf die Jünger über. Gottes Heiliger Geist wird nun zu ihrem Atem, "in dem sie leben, sich bewegen und sind". Möglich wird dieser "Geistransfer" durch ihr Mitleben mit Jesus und durch die Schule, in die sie sich von ihm nehmen ließen. Vor allem aber werden die Jünger für Gottes Geist empfänglich durch ihre Passion anlässlich der Passion Jesu: sie sitzen da, eingesperrt in Angst und Scheitern, da sie ihn auf seinem Kreuzweg und bei seinem Sterben alleine ließen, ihn, den Geliebten.

Doch in der Mitte ihrer Nacht entsteht eine Bewegung.

Frieden breitet sich aus. Ein Friede, der begangene Fehler nicht ungeschehen macht, sondern alles Geschehene, ja das ganze Leben unterfasst. Ein Friede, der Frucht der zu Ende durchlittenen Verbindung von Unglück und Schuld ist, die das eigene Leben traf. Sie erkennen ihn als Frieden des Herrn (Gottes). In ihm sind sie gesandt zum Dienst der Versöhnung: derselben Versöhnung, die gerade an ihnen geschieht. Nun werden sie den Geist dieses Friedens atmen. Andere, die dafür bereit sind, werden darin ebenfalls Versöhnung und Heimat finden.

Was für eine Botschaft! Was für eine Möglichkeit wird hier eröffnet. So viele sind es in unserer Zeit, die ohne Heimat, ohne Ort, an den sie gehören, innerlich zerissen leben müssen. Der Alltag gewinnt auf Grund dieser Botschaft eine neue Ausrichtung, die sich allmählich gegen die ökonomischen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten behauptet. Durch sie wird das profane Leben in persönliche Heilsgeschichte verwandelt, zum Ort, an dem Gottes Geist am Werk ist und Frieden und Beheimatung schafft. Dass dieser Geist Euch mehr und mehr erfüllt, dass Ihr für ihn empfänglich werdet, das ist in diesen Pfingsttagen meine Bitte für Euch.

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Bertram Dickerhof SJ, Mai 2014

Berufsbegleitende Auszeit

Nächstes Jahr bieten wir eine "Berufsbegleitende Auszeit" an. Manche werden verwundert feststellen, dass dies doch ein Widerspruch in sich selbst ist. Nicht ganz. Die Wirkungen der besten und längsten Auszeit werden relativ schnell vom Alltag kassiert, wenn nicht gelernt wird, diesen Alltag selbst anders zu gestalten. Dies ist aber nicht leicht, da wir mit vielen Fesseln sozusagen in ihn hineingebunden sind. Neben den Notwendigkeiten gibt es die Gewohnheiten, die Erwartungen der Mitwelt, die eigenen Vorstellungen usw.

Um diesen Gegebenheiten Rechnung zu tragen, hat unsere "Berufsbegleitende Auszeit" folgenden Aufbau:

Sie beginnt mit einer 10-tägigen Grundübung (15. – 25. Januar 2015) und gestaltet sich dann im Wechsel von normalem Alltag zu Hause und diesen unterbrechenden vierteljährlichen Übungseinheiten hier, im Ashram. Diese verlängerten Wochenenden dienen vor allem der Implementierung derjenigen Veränderungen in den Alltag, die einem im Januar bewusst geworden sind.

Über dieses Angebot hinaus ist es möglich, die Intensivzeit im Januar individuell auf den ganzen Monat auszudehnen. Wer das möchte, beginnt mit dem Kurs "Das neue Jahr in Stille beginnen" am 1. Januar und hält sich vor und nach der Auszeit-Grundübung als Gast im Ashram auf. Das ist bis maximal 31. Januar möglich. Vielleicht finden einige Geschmack an dieser Auszeit, die merken, dass sie dem Druck der Alltagswelt etwas entgegensetzen müssen, um sich nicht zu verlieren, und die die Sehnsucht haben, in die eigene Tiefe zu graben, um sich neu auszurichten und authentischer leben zu können.

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Bertram Dickerhof SJ, April 2014

Ostern

Eine große Schwierigkeit, die sich dem Glauben an Ostern entgegenstellt, ja überhaupt dem christlichen Glauben, ist unser modernes Realitätsbewusstsein. Danach ist Realität "nur", was objektiv ist, am besten immer wieder herstellbar und beobachtbar. Mit der Aufklärung setzten Bemühungen ein, die Auferstehung Jesu als objektives, historisches Ereignis zu rekonstruieren und zu ergründen, ob das Grab tatsächlich leer war. Überzeugend finde ich sie nicht, sie können es auch kaum sein. Wie soll eine Auferstehung, die nicht Rückkehr ins irdische Lebens ist, auch nicht ein bisschen, eine historische Tatsache sein können? Zugegeben: auch ich finde es nicht so leicht, sich damit abzufinden, dass die Auferstehung keine historisch-objektive Tatsache ist.

Nehmen wir aber mal an, es sei so. Jesus ist gestorben und begraben worden. Was weiter mit ihm geschieht oder nicht geschieht, klammern wir zunächst einmal ein. Was bleibt dann übrig von Ostern? Übrig bleibt eine geistliche Erfahrung der Jünger. Spirituelle Erfahrungen gibt es unterschiedlichster Art. Diese hier aber ist speziell: Sie macht aus einer sich auflösenden Gruppe ängstlicher, enttäuschter Jünger mutige Bekenner. Sie hat folgende Charakteristika:

Spirituelle Erfahrungen dieser Art machen Menschen durch die ganze Geschichte, über den ganzen Erdball, wenn sie bereit sind, sich auch den "tödlichen" Wirklichkeiten ihres Lebens zu stellen, ihre Vorstellungen dabei loslassen und annehmen, was ist. Wie die Jünger, erfahren sie an sich selbst, wovon Jesus gesprochen hat: die Nähe des Reiches Gottes, ein Angeld ewigen Lebens, einen Zugang zu Gott, die Hoffnung, im Tod nicht unterzugehen. Kurz: Auferstehung. Im Ernst: ist das nicht genug, um leben und sterben zu können?

Offen bleibt jetzt nur das persönliche Schicksal des gekreuzigten Jesus. Hier kommt das Besondere der spirituellen Erfahrung der Auferstehungszeugen Jesu zum Tragen. Ihnen widerfährt eine besondere Auferstehungserfahrung. Sie ist sowohl zeitlich als auch auf einen bestimmten Personenkreis begrenzt (1 Kor 15, 5-8) mit dem inhaltlichen Kern "Gott hat ihn (Jesus) von den Toten erweckt" (Röm 10,9). Wenn schon die Jünger Jesu Auferstehung erfahren, sollte dann nicht der Protagonist auf diesem Weg, Jesus, erst recht in das Leben Gottes eingegangen sein? Dies zu glauben, fällt mir nun nicht mehr so schwer, und das wünsche ich auch Euch.

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Bertram Dickerhof SJ, März 2014

Notwendigkeit des Gebets

Wenn die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift beim Imperativ endet, genügt es nicht. Es ist zwar gut, immer wieder daran erinnert zu werden, z.B. sich zu versöhnen, barmherzig auch gegenüber den Gegnern zu sein usw. Auch ist es notwendig, diese Imperative immer wieder zu hören, wo doch so viele Botschaften um unser Gehör ringen. Aber das allein genügt nicht. Im Getriebe des Alltags ist solch ein Appell schnell vergessen. Woher sollen außerdem die Kraft und der Sinn zur Selbstüberwindung kommen? 
Das Gebet ist es, das nötig ist – irgendwie in der Form, wie es im Ashram Jesu praktiziert wird: als Verweilen bei dem, was man je jetzt von sich selbst spürt, von seinem Körper, seinen Gefühlen, seinen inneren Empfindungen, von seiner momentanen geistigen Haltung. Bei solchem Gewahrwerden kommt der Beter in Kontakt mit sich selbst, wie er gerade ist, und erfährt Annahme. Das entlastet und lässt aufatmen. Im Durchleben der inneren Bewegungen klären sich diese und können unterschieden werden. Die komplexe äußere Situation und die eigenen Möglichkeiten werden deutlicher. Ihm tut sich die Wahl auf, zu welchem Menschen er sich nun bestimmen und wie er sich also verhalten will. Wer innehält, gewinnt dadurch Freiheit gegenüber den Mächten des blinden So-und-So-Reagieren -Müssens. Und er spürt die Kraft, die ihm aus der Tiefe zufließt. Denn das Durchleben der Stunden, gleich ob gut oder böse, führt schließlich zu dem "Brunnenpunkt, an dem alle Stunden aus Gott hervorgehen." (Delp).

Das gilt für den Christen, aber das gilt für jeden Menschen, der nicht einfach vom Regime dessen, was in der Luft liegt an Meinungen und Trends, bestimmt werden will, sondern sein Leben selbst gestalten möchte. In dieser Weise innezuhalten ist auch dem möglich, der nicht an Gott glaubt.

Weil dieses Innehalten so wichtig ist für das Gelingen des eigenen Lebens, möchte ich es Euch wieder für die Fastenzeit ans Herz legen. Sollte nicht doch im Alltag ein Winkel zu entdecken sein, in dem die Schlagzahl des Lebens verlangsamt und die eigene Person besucht werden kann?

Entlastend und klärend wirkt auch ein Gespräch, in dem man sich selbst zum Thema machen kann und Resonanz erfährt. Vielleicht wäre dies eine weitere Möglichkeit des "Fastenprogramms" bis Ostern? Wie könnte es wohl tun, vor einem annehmenden Zuhörer /einer annehmenden Zuhörerin einmal ausbreiten zu können, womit man sich herumschlägt und abquält, was einen belastet und mürbe macht. Wenn diese Vorstellung Raum gewinnen darf, dann werden auch mögliche Gesprächspartner*innen einfallen und der heilsame Ruck sich einstellen, der dazu nötig ist.

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Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2013

Weihnachten

Ein weihnachtlicher Gedanke zur Betrachtung
 
Wenn ich die Unruhen all überall auf der Welt verfolge, bin ich froh, in einem Land wie Deutschland leben zu dürfen. Und doch beunruhigt mich unsere Lebensweise.

Machen unsere Errungenschaften, unsere Weise zu leben, zu arbeiten uns menschlicher?

Wird der Preis nicht immer höher, den wir für "mehr vom selben" zahlen?

Glück für uns, die Nachkriegsgeneration; Glück für uns, die wir früh mit der Ausbeutung der Erde begonnen haben, Pech für die andern, die zu spät kommen?

Zur Zeit des Noach "aßen und tranken und heirateten [die Menschen] bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging; dann kam die Flut und vernichtete alle." (Lk 17,27). Wie wir tun auch die hier beschriebenen Menschen nichts Böses. Sie sind beschäftigt mit dem, was an der Oberfläche liegt; was die Zeit, die Moden, die herrschenden Kräfte halt nahe legen. So sieht es auch bei uns aus. Und so wird es zur Stunde der Geburt Jesu ebenfalls gewesen sein: letztlich beherrschen Gier und Vermeidung die Welt. Doch es geht auch anders: Einige sind in der Nacht draußen auf dem Feld und wachen. So Noach, so die Hirten, …

Draußen auf dem Feld gibt es nichts, was begehrt werden könnte; da ist nichts, was ablenkt.

Draußen auf dem Feld muss man die Nächte seines Lebens durchwachen.

Draußen auf dem Feld muss man die schweren Stunden, die Krisen, die Einsamkeit, die Unruhe, die Erschöpfung und was sonst einem gerade aufgegeben ist, durchleben.

Die in der Nacht draußen auf dem Feld wachen, die – und nur sie – werden, damals wie heute, der Engel gewahr, die ihnen die Anwesenheit Gottes als neuen Anfang zeigen; und sie – und nur sie – werden seinen Frieden verspüren, der alles Verstehen übersteigt (Phil 4,7).

Draußen auf dem Feld – das ist weniger ein Ort als eine Lebens-Haltung. Es ist eine Haltung des Vertrauens und der Hingabe. Petra Maria und ich wünschen Euch von Herzen, dass diese Haltung in Euch wachsen kann, und dass Ihr die wahre Freude und den wahren Frieden erfahrt.

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Bertram Dickerhof SJ, November 2013

Innehalten im Advent

„Eigentlich” lädt die Adventszeit zu Besinnlichkeit ein: die lange Dunkelheit; das Jahr, das zu Ende geht; die verheißungsvollen Texte des Advents, –z.B. von den Schwertern, die zu Pflugscharen umgeschmiedet werden (Jes 2, 4) oder vom abgestorbenen Baumstumpf, aus dem ein neuer Trieb sprosst, und dann wohnt der Wolf beim Lamm, Kalb und Löwe weiden zusammen, – gehütet von einem kleinen Knaben (Jes 11,1.6). Und die Tannen, die grün sind und still und duften… . Wie das Jahr, so geht das Leben dahin – zugebracht womit? Ist tatsächlich alles, um dessentwillen wir rennen, das Rennen wert?

Lassen wir uns doch einladen, inne zu halten im Advent; sich täglich eine kleine Zeit zu nehmen, die nur einem selbst gehört und in der man den Menschen besucht, der ich bin, – so wie man einen lieben Freund oder eine liebe Freundin besuchen würde. In dieser Zeit höre ich mir ein wenig zu: spüre heraus, wie es mir geht, wie ich mich fühle, was mein Körper mir sagt, was ich möchte und was nicht. Ich verweile ein wenig bei mir, bei dem, was ich jeweils merke. Darüber nachdenken brauche ich nicht in dieser täglichen Viertelstunde. …

Wie kann ich das tun? Ich könnte dazu in eine Kirche gehen, ich könnte einen sehr langsamen Spaziergang durch einen Park  in der Dämmerung machen oder, nicht so leicht, im Zug bei mir einkehren. Oder gibt es eventuell zu Hause eine Zeit und einen Sessel, wo ich allein und ungestört sein kann? …

Vielleicht will der/die Besuchte erst gar nicht öffnen. Er/Sie fürchtet, gestört zu werden. Oder, wenn ich mich doch empfange, bin ich kaum da und renne unruhig hin und her. Doch das verändert sich, wenn ich, der Besucher meiner selbst, einen Blick der Liebe und Annahme auf mich richte, gleich, wie ich mich vorfinde.…

Im Ernst: wenn ich selbst mir kaum begegnen kann, wie soll es jemand anderes können? Wie kann mir dann Weihnachten werden?

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Bertram Dickerhof SJ, Mai 2013

Grundübungen

Im Ashram Jesu geht es darum, einen spirituellen Weg zu gehen und ihn mit Menschen, die dafür offen sind, Christen und Nicht-Christen, zu teilen. Die Grundübungen sind dabei das Hauptinstrument. Sie helfen zu erkennen, worauf man das eigene Leben tatsächlich gegründet hat. Diese Gründe sind zwar verborgen, doch liefert, was ein Mensch jeweils mitbringt an aktuellen Lebenserfahrungen, Fragestellungen, inneren und äußeren Ereignissen, einen Zugangsweg zu ihnen. Dabei kommt der achtsamen, gelassenen und liebevollen Atmosphäre im Ashram Jesu besondere Bedeutung zu.

Die Achtsamkeit bezieht sich vor allem auf die eigene Person, auch auf ihren Leib. Gewöhnlich wird die Person lediglich "benutzt": der Leib, um das Selbst von hier nach dort zu tragen; die Hände, um Knöpfe zu drücken; der Kopf, um zu analysieren; und das Selbst, um zu funktionieren. Im Ashram übt man stattdessen, sein Selbst um seiner selbst willen wahrzunehmen: was es beschäftigt und was sich in ihm innerlich bewegt, um so sich selbst liebevoll nahe zu kommen – so wie man einem Geliebten nahekommen und bei ihm verweilen möchte. Langsam gibt die eigene innere Wirklichkeit den Blick in die Gründe frei, die das tägliche Leben und Verhalten aus dem Verborgenen bestimmen, – wenn man gelassen bleibt. Gelassensein bedeutet, dasein zu lassen, was da ist, auch dann, wenn dies Daseiende unangenehm und ent-täuschend ist und den eigenen Erwartungen und Wünschen nicht entspricht.

Kann der Übende diese seine (enttäuschende) Wahrheit anerkennen, so wird Wandlung möglich: er kann die Wahrnehmung seiner inneren Wirklichkeit an dieser überprüfen durch einen zweiten Blick. Ebenso kann er die Interpretation überprüfen, die er seiner Wahrnehmung gibt. Auf diese Weise kann er frei werden von alten, verzerrenden Mustern. Das bislang Vermiedene, das hinter seinen "falschen" Gründen steckt und ihn dazu antrieb, beginnt, sich in sein Seelenleben zu integrieren. Noch wichtiger aber ist, was dabei "nebenher" und gratis geschieht: eine innerliche Berührung, die "ewiges Leben" vermittelt; Anhauch eines Nichts, das die Flamme reiner Liebe nährt. Davon kommen Würde und Freiheit und eine unbedingte Bejahung. Zu Beginn des spirituellen Weges verspürt man nur einen Trost und eine Sehnsucht. In dieser Erfahrung liegt der Keim einer anderen Erfüllung als der, die unsere Kultur propagiert, und eines anderen Lebens als dem, das aus Arbeit und Spass besteht. Doch im Alltag werden dieser Keim und die Sehnsucht durch Vielerlei und Oberflächlichkeit oft erstickt. Wer also auf dem Weg bleiben will, dem ist es eine große Hilfe, sich täglich und monatlich eine Zeit des Innehaltens und jährlich eine Zeit des Tiefergrabens zu reservieren. Auf diese Weise bereitet er sich, nicht nur Trost zu erfahren, sondern auch den zu erkennen, der den Trost spendet.

Deshalb sind also Grundübungen stets aktuell. Ich möchte Sie/Euch dazu einladen.

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Bertram Dickerhof SJ, März 2013

Liebe, nicht Disziplin

Im letzten Newsletter habe ich eine "kleine" Übung für die Fastenzeit vorgeschlagen. Ich hoffe, dass diejenigen, die sie ausprobiert haben, etwas von ihrer wohltuenden, zentrierenden Wirkung erfahren haben. Und ich hoffe und wünsche ihnen, dass Sie sie bis Ostern weiterführen können, vielleicht sogar darüber hinaus.

Letztlich ist sie nicht mit Disziplin aufrecht zu erhalten, sondern mit Liebe. Liebe gegenüber dem Menschen, der je ich selber bin. So wird sie zu einer Verlängerung der Liebe und Gutheißung des Schöpfers gegenüber mir, seinem Geschöpf – "und siehe, es war sehr gut!" Sie ist Annahme dieser Liebe, die besteht, auch wenn der Übende sich dabei in Weh und Ach und Enttäuschung vorfindet, krank und schwach, wie manche von Euch es in den letzten Wochen vielleicht tatsächlich gewesen sind. Auf solchen trüben Wegen des Lebens ist der Übende herausgefordert, der Bejahung durch Gott zu vertrauen – sogar blind, wenn die Stimmung düster ist. Weiter auf diesem Weg wird man selbst zum Liebenden, d.h. zum Annehmenden, zum Bejahenden. Denn die Liebe ist nicht zuerst eine Sache des guten Willens; den braucht man auch, um übernommene Aufgaben zu erfüllen. Sie ist auch nicht zuerst Sache des anderen, der liebenswert erscheinen muss, um sich ihm liebend zuwenden zu können: denn oft erscheint er dem Betrachter nicht so. Quelle der Liebe ist die Annahme, die der Übende erfährt und die ihm selbst gilt – gerade dann, wenn er sich auch in düsteren Stunden so dasein lässt, wie er sich wahrnimmt.

Da beim Weitergehen auf diesem Übungsweg manche Hindernisse begegnen, ist Unterstützung nötig. Helfen kann das Gespräch mit einer Person, die ebenfalls auf diese Weise unterwegs ist. Helfen kann auch ein Kurs im Ashram Jesu. Unsere Kurse, besonders die Grundübungen, lassen einen achtsamen, gelassenen, liebevollen Umgang mit sich, den anderen, der Erde erfahren. Unsere Ausbildung "achtsam, gelassen, liebevoll", die gerade läuft, dient dazu, regionale Gruppen aufbauen zu können, in denen Gleichgesinnte miteinander üben und sich unterstützen. Ferner beschäftigt mich die Idee, über diesen Kreis hinaus Menschen miteinander zu verbinden, die die Reise des Verweilens beim Inneren, des Gebets, im Alltag unternehmen wollen.

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Bertram Dickerhof SJ, Februar 2013

Innehalten im Alltag

Die Fastenzeit hat begonnen. Vielleicht kann ich demjenigen noch eine Idee liefern, der nach einem "guten Vorsatz" für diese Zeit sucht oder mit seinem bisherigen nicht ganz zufrieden ist.
Meine Idee hat vor allem mit Selbstliebe zu tun und lautet:

Im Alltag innehalten und
bei sich selbst verweilen.

Ich halte dies für lebensnotwendig für jeden Menschen, der bei sich selbst ankommen und ein selbstbestimmtes Leben führen will. Denn nur so wird er der Kraftfelder bewusst, in denen er steht, und vorstoßen zu dem, was er – oder vielleicht sogar Gott von ihm – hier und jetzt will. Ich werde auf dieses Anliegen sicherlich noch öfter in diesem Jahr zu sprechen kommen und gehe jetzt gleich zur Praxis über, die in drei Schritten besteht:

Erster Schritt: Unterbrechen. Für zehn, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde am Tag einmal aufhören damit, zu funktionieren, zu benutzen, im Hamsterrad zu laufen, sich abzulenken, zu zerstreuen, sich mit anderen und anderem zu beschäftigen… und statt dessen sich dem Menschen zuwenden, der je ich selber bin.
Dazu sollte man sich einen Ort suchen, wo man Ruhe hat: auf dem Sofa zu Hause, bei einem langsamen Spaziergang, notfalls auch im Zug, in einer Kirche am Weg; morgens, bevor der Betrieb losgeht, oder abends, wenn es wieder still wird.

Zweiter Schritt: Sich selbst nachspüren. Mit folgendem Interesse:

Wie gesagt: nachspüren, wahrnehmen, nicht nachdenken, nicht überlegen.


Dritter Schritt: Verweilen in der Wahrnehmung. Üblich ist, wenn man etwas von sich merkt, sehr schnell das Wahrnehmen zu verlassen und zum Denken überzugehen, also die Tätigkeit zu wechseln – weil man unwillkürlich über das Wahrgenommene nachdenkt, auf Abhilfe sinnt, sich etwas vornimmt. Doch bei unserer Übung hier geht es darum, in der Wahrnehmung zu verweilen, sie zu halten. Mit anderen Worten: das Wahrgenommene dasein zu lassen, es anzunehmen – und zwar ganz gleich, ob es angenehm oder unangenehm, freudig oder beängstigend, passend oder unpassend ist. Wie auch immer: es ist. Und ich erlaube dem, was ist, zu sein… . Die Denk- und Handlungsimpulse sind erst im Anschluss an die Übung dran.

Daher empfiehlt es sich vor Beginn, die Dauer der Übung festzulegen und für diese Dauer bei dem auszuhalten, was ist. Aushalten kann man auch dabei, dass man nichts von sich wahrnehmen kann, beim Umherspringen der Aufmerksamkeit, bei der Unruhe, beim Atem usw.

Euch und Ihnen allen einen guten Start in die Fastenzeit.

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Bertram Dickerhof SJ, Oktober 2012

Grund-Übungen

Die Grund-Übungen sind nach wie vor das Hauptangebot des Ashram Jesu. Wer auf Aufbau-Übungen wartet, wird weiterhin vergeblich warten.

Denn mit Grundübungen meinen wir, dass der Grund bearbeitet wird, aus dem das eigene Leben herauswächst. Er wird gejätet, gelockert, gedüngt, damit das Leben mehr erblühen kann. Diese Blüte trägt Früchte wie bessere Beziehungsfähigkeit, mehr Selbstkontakt, mehr Freiheit, mehr Klarheit, mehr Selbststand, vielleicht auch mehr Gesundheit.

Doch trägt diese Blüte auch Früchte die über den innerweltlichen Erfahrungshorizont hinaus gehen. An den Grenzen nämlich, die im Bearbeiten des Grundes erfahren werden, erwacht der Übende zur wahren Wirklichkeit. Sie lässt als ihre Quelle, aus der sie hervorquillt, eine Liebe und ein Glück erahnen, ein "unendliches Glück, das die Sinne übersteigt." (Bhagavadgita VI,21).

Darum also "Grundübungen".

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Bertram Dickerhof SJ, pril 2012

Gemeinschaft im Ashram

Mir ist in den letzten Wochen in Grundübungen und Ashramtagen klarer geworden, wie wichtig Ihr für uns seid, Ihr, die Ihr in den Ashram kommt. Natürlich "braucht" Ihr auch uns, die diesen "kraftvollen Ort" – wie kürzlich jemand den Ashram nannte – halten.

Aber dass dies sinnvoll und wertvoll ist, erfahren wir besonders, wenn Menschen sich im Ashram aufhalten, miteinander meditieren, sich mitteilen, miteinander leben: dann entfaltet sich die Kraft des Ortes in besonderer Weise; dann hält und stärkt man sich gegenseitig; dann tritt jene reine Gegenwärtigkeit deutlicher in Erfahrung, die sonst im Herzen aller Dinge verborgen ist.

Dann spüren auch wir hier unmittelbar, dass unser Einsatz nicht nur unsere Privatsache ist, sondern dass sich im Rahmen des Ashram Gott mitteilt, – Menschen Heil erfahren, ja dass hier "Kirche geheilt wird", wie eine Teilnehmerin sagte.

Da dieses Miteinander so bedeutsam ist, ist es uns ein Anliegen, möglichst bald regionale Ashramgruppen zu bilden. Dem dient auch unsere Ausbildung, für die Ihr Euch noch bis Ende Mai bewerben könnt.

Immer wieder stelle ich fest, dass es bezüglich der Stille eine Ambivalenz gibt: einerseits fühlt man sich hinterher gestärkt, zentriert, gereinigt: es hat gut getan. Also, mehr davon! Und zugleich gibt es eine Scheu, ja eine Sorge: womit werde ich konfrontiert; wieviel Kraft und Überwindung wird mich das Stand halten wieder kosten? Es ist seelische Arbeit zu verrichten. Wäre nicht Wellness besser oder ein paar Tage Urlaub, Abhängen, Vergessen? Diese Ambivalenz ist verständlich. Und es ist die Gemeinschaft, in der ihr Stand gehalten werden kann.

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Bertram Dickerhof SJ, Februar 2012

Winter im Ashram

Im Winter ist es im Ashram Jesu besonders still. Die Arbeit auf den Äckern und Feldern ruht. Die Natur schläft. Das Leben zieht sich nach Innen.
So ist es auch mit der Meditation: Denken und Empfinden kommen zur Ruhe. Der Geist zieht sich nach Innen und wacht – und empfängt Liebe und Leben.

In diesem Jahr lesen wir wieder einmal aus der Bhagavadgita, dem Gesang des Erhabenen, dieser sehr populären Schrift des Hinduismus. Im VI. Gesang fand ich den Vers, wo der Andächtige "wie eine am windstillen Ort befindliche Lampe nicht flackert, durch das Selbst das Selbst schauend am Selbst sich freut – wo man das unendliche Glück kennt, das nur der Vernunft fassbar ist, die Sinne aber übersteigt…"

Eine Ahnung dieses unendlichen Glücks wünsche ich Euch.

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Bertram Dickerhof SJ, November 2011

Lassen braucht Muße

Unter den Faktoren, von denen das "Gelingen" eines Kurses abhängt, ist sicherlich von Bedeutung, wieviel der Begleiter seinerseits zulassen kann, ohne unter Druck zu geraten, was er verkraften kann, ohne sich abwenden zu müssen, wie sehr er sich selbst lassen kann.

Wir haben das Gefühl, dass sich um den Ashram herum langsam eine Gemeinschaft von Menschen bildet, die mit uns die Perle entdecken, die er in sich birgt, die hier ihre spirituelle Heimat finden und ihren Alltag entsprechend gestalten möchten. Diese Resonanz gibt unserem Leben im Ashram und unserer Arbeit Rückhalt.

Den "Alltag entsprechend gestalten": kontemplatives Leben erfordert Muße. Die Wirklichkeit an sich heranlassen, ihrer Wirkungen auf das Innere gewahr werden und ihnen nachspüren, das braucht in der Tat Muße. Aber der Alltag birgt auch vielerlei Kräfte, die einen, gleich Ungeheuern, aus dem ruhigen Gewahrsein bringen und in ihren unguten Bann ziehen. Sie können allerdings nur wirken, weil sie einen Ansatzpunkt an der eigenen Person finden; eine Stelle, wo man für sie empfänglich ist. So führen sie einen dankenswerter Weise an die eigenen wunden Stellen.

Auch wenn wir öfters hören, man lebe im Ashram eingetaucht ins Sein, gilt diese Alltagsdynamik hier wie dort. Im Sommer ging es mir so, dass ich dachte: "Ich habe mich jetzt hier eingerichtet. Doch habe ich Gott nicht verloren?" Wie oft kehrt meine Sehnsucht an den Mauern der Bequemlichkeit um, wird sie getötet von der Flucht in die, ach so wichtige!, Betriebsamkeit des Alltags. Ich merkte das und wollte oder konnte mich doch nicht daraus befreien. "The show must go on!", band mich. Ab Ende August ging es mir gesundheitlich nicht gut. Konsolidierung und Routine ade! Zur Abklärung musste ich ins Krankenhaus. Ich musste inne halten. Und ich konnte mich stellen. Da zerbrach die Wand. Wieviele Lektionen werde ich noch brauchen, um zu lernen: wer mit Gott leben will, der muss sich entäußern: loslassen, was ihm je zum Äußeren wird; "nicht anhaften"(Bhagavadgita).
 

BITTE

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und daß wir aus der Flut,
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

— Hilde Domin

"Daß wir … immer versehrter und immer heiler … zu uns selbst entlassen werden." Nichts ist tödlicher als siegen, als Besitzstände wahren, als fortschreiten. Niederlage, meine Freundin, Verlust, mein Helfer – steht ihr mir auch im nächsten Jahr bei – auch wenn ich euch nicht willkommen heiße?

Euch/Ihnen alle eine Adventszeit mit Muße, ein fröhliches Weihnachtsfest und ein gesegnetes Neues Jahr.

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Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2010

Die wahre Herausforderung im Leben

In diesen Tagen des Advent möchte ich mich an Sie wenden und Ihnen eine gnadenreiche Weihnachtszeit und ein gesegnetes Neues Jahr wünschen.

Hier, im Ashram, haben Sr. Petra Maria und ich viel Grund zur Dankbarkeit: Wir leben ja nun ganzjährig hier und sind auf einem guten Weg, uns selbst an das Ashramleben zu gewöhnen: Stille, Achtsamkeit, Meditation, menschlich ehrliches Miteinander, Hausarbeiten und sonstige berufliche Arbeit. In der Begegnung mit unseren Gästen und Kursteilnehmer*innen haben wir viel Ermutigung erfahren. Und im Herbst hat mir mein Jesuitenoberer mitgeteilt, dass er den Ashram Jesu als "unterstützenswerten Dienst an der Kirche in bewegter Zeit" ansieht. Da die Deutsche Ordensoberenkonferenz die Trägerschaft übernehmen will, ist damit eine Zukunft des Ashram über 2011 hinaus sehr wahrscheinlich geworden.

Anlass zu noch mehr Dankbarkeit sind mir interessanterweise gerade die schwierigen Ereignisse geworden, an denen ich gekaut und mit denen ich gerungen habe: Seit 2002 habe ich mich im Übermaß bemüht, ein zukunftsweisendes und nachhaltiges Fortbildungsprogramm für das IMS [das Fortbildungsinstitut der deutschsprachigen Ordensleute und bisheriger Träger des Ashram Jesu] zu entwickeln – nun wird das IMS aufgelöst. Im Februar schien mir die wieder neu entstandene Unklarheit über die Zukunft des Ashram unerträglich zu sein – doch ich musste sie ertragen bis vor Kurzem. Da wir nun ganzjährig im Ashram leben, haben wir unsere Angebote ausgeweitet – doch es kamen weniger Menschen als zuvor. Für mich persönlich war das Jahr geprägt von Erschöpfung, Krankheit, Verlust.
Wenn ich die Situation unseres Landes und des "reichen Westens" überhaupt betrachte im Blick auf die Ressourcen, den Klimawandel, die Finanzen, auf die Art unseres Arbeitens und Zusammenlebens, scheinen mir meine kleinen Desillusionierungen geradezu paradigmatisch zu sein. Diese sehr großen Ereignisse sind ebenso desillusionierend, ernüchternd. Auch sie verlangen nach Umkehr, nach Loslassen der uns gewohnten Lebensweise. Die wirkliche Herausforderung im Leben besteht darin, die Ernüchterungen des Lebens zuzulassen und anzunehmen, ohne bitter zu werden oder zu verzweifeln. In dem Maße, wie dies gelingt, werden nach meiner Überzeugung gerade sie zum Tor zu jenem "ewigen" Leben, von dem Jesus spricht, zum Weg in das unaussprechliche Geheimnis, das wir Gott nennen, zum Zugang zu jenem unzugänglichen Licht, das sich unverfügbar uns mitteilen will.

Sr. Petra Maria und ich werden auch nächstes Jahr für Sie dasein und uns freuen, wenn Sie in den Ashram kommen. Im Rahmen unserer Kräfte und Möglichkeiten soll der Ashram ein gastfreundlicher Platz sein, an dem die Menschen Zentrierung und Vertiefung finden. In unserem Programm werden Sie immer nur wenige neue Themen finden. Hauptsächlich deswegen, weil das Thema hier der Mensch selber ist, der kommt mit dem, was er mitbringt. Darin liegt der Weg verborgen.

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Bertram Dickerhof SJ, Mai 2008

Alternative

Mir wird klarer, dass der Ashram eine klare Alternative zu unserer Kultur der Selbstinszenierung und Subjektlosigkeit darstellt, indem er durch die Hingabe an die Wirklichkeit hier und jetzt zur Klärung führt, was Vorgegebenes ist und was echte Freiheitsspielräume sind. Diese zu gestalten bedeutet, seine Würde zu erleben.

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Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2007

Geistlicher Tag

Wenn Du auf dem geistlichen Weg
voranschreiten willst, dann übe
eine Stunde am Tag
einen Tag im Monat,
und eine Woche im Jahr.
(Alte spirituelle Regel)

Beim Programm dieser alten spirituellen Regel ist mir persönlich der "eine Tag im Monat" immer wieder am schwersten gefallen: es ist ja so viel anderes zu tun. Anfang des Jahres habe ich für mich beschlossen: Schluss! Ich will nicht immer zuletzt kommen oder sogar hinten herunterfallen; allen und allem anderen genügen und selbst auf der Strecke bleiben. Ich habe neu angefangen, den "Geistlichen Tag" zu pflegen. Wenn es ging, mit einem Wandertag in der Natur zuvor. Am "Geistlichen Tag" habe ich dann ein paar Einheiten meditiert, geschwiegen – und festgestellt, welche Wohltat das war; wie ich wieder in Kontakt mit mir gekommen bin; wie ich neu ausgerichtet und zentriert wurde. Er kostet Überwindung, ja! Aber er wirkt wie eine Oase im Alltag.

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Bertram Dickerhof SJ, Juli 2007

Wirksamkeit des Ashram

Immer wieder frage ich mich nach den Gründen für die hohe Wirksamkeit des Ashram. In der Medizin ist man gerade dabei, "Achtsamkeit" – ähnlich wie wir sie hier in Meditation und Körperübungen praktizieren – bei Depressionen und zum Stressabbau einzusetzen.

Dennoch glaube ich, dass die immer wieder staunenswerte Wirksamkeit des Ashram auf dem Zueinander all seiner Elemente beruht: auf der Einfachheit und Unmittelbarkeit, dem gemeinsamen Arbeiten und Meditieren, der Gruppe, dem Schweigen und der Achtsamkeit bei allem, dem Entzug von Tempo und Ablenkung.

Mir ist deutlicher geworden, dass Gruppe und Meditation sich sehr gut ergänzen: das Schweigen erlaubt und fordert, sich dem zu stellen, was die Gruppe bei einem selbst berührt hat. Man kennt das ja, dass mehr Reden manchmal zu einem Zer-Reden der inneren Befindlichkeit wird; besser hätte man seinen Schmerz oder seine Angst alleine durchgestanden und der leisen Ahnung getraut, dass darin wahrer, tragfähiger Grund und Boden für einen selbst liegt: etwas ganz und gar Kostbares, das man sich nicht rauben oder zerstören lassen darf und dem man nur alleine und im Schweigen begegnen kann.

Nicht selten sind wir auch sprachlos vor den Schicksalen, die die Menschen mitteilen, vor der Ohnmacht, nachdem sie viele Wege ausprobiert haben, um Heilung oder Erleichterung oder Sinn und Hoffnung im Leben zu finden. Und immer wieder erlebt man die Tragfähigkeit der Gruppe, oft gerade in solchen Momenten, oft in der Sprachlosigkeit.

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Bertram Dickerhof SJ, Dezember 2006

Was im Ashram geschieht

Schweigend zusammen leben,
arbeiten, essen, meditieren und Achtsamkeit in allem üben

in einer allein liegenden Mühle am Elbbach im Westerwald

zur Ruhe kommen,
bei sich einkehren,
wahrnehmen,
zulassen,
sich hineinführen lassen,

gelassen standhalten,
ausharren,
liebevoll sein lassen;

sich in der Gruppe äußern können,
mit Spiritualität befassen;
auf biblische und Texte anderer Religionen hören;
seinen Leib erspüren,

um, weniger getrieben, bei sich selber anzukommen,
sich zu stärken und zu zentrieren,
seiner göttlichen Würde inne zu werden.

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Bertram Dickerhof stellt den «Spirituellen Weg» als das Ergebnis eines mehr als 40 Jahre währenden Selbstversuchs vor.

Grundlage dieses alle Bereiche durchdringenden Lebens-Wegs ist ein Innehalten und Hören auf die eigene Wirklichkeit, die sich auf einen Grund hin öffnet, in dem alles verankert ist. Das so erfahrene neue Leben gilt es durch Entscheidungen und Handlungen wirklich werden zu lassen.

Erhältlich im Buchhandel